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Umfrage unter Familienernährerinnen ein voller Erfolg

Wie ergeht es Familienernährerinnen im privaten Umfeld, im Betrieb und auf dem Arbeitsmarkt? Diese Fragen stellte das Projektteam Anfang 2013 auf seiner Website und rief Frauen mit Hauptverdienst dazu auf, Auskunft zu geben. Zahlreiche virtuelle Fragebögen gingen ein und zeigen deutlich, wo es bei den Lebens- und Beschäftigungsbedingungen hakt.

Über 250 Hauptverdienerinnen aus ganz Deutschland, darunter mehr als jede Zweite alleinerziehend, beteiligten sich von Januar bis April 2013 an der Umfrage und berichteten ausführlich von ihrem Alltag und seinen Widrigkeiten, ihren Sorgen und Bedarfen.

Aus den Schilderungen der Frauen mit Hauptverdienst wird deutlich, dass noch immer Betreuungsplätze für (Klein-)Kinder und ausreichend Ganztagsbetreuungsangebote fehlen. Für eine gelingende Vereinbarkeit von Familie und Beruf zählen für die Mehrzahl der Familienernährerinnen nicht nur eine quantitativ und qualitativ gute Infrastruktur bei der Kinderbetreuung, sondern auch familiengerechte Arbeitszeiten. Viele Hauptverdienerinnen würden gerne über die Dauer, Lage und Verteilung ihrer Arbeitszeiten mitbestimmen. Auch der Wunsch, zwischen Teilzeit und Vollzeit temporär – und mit Rückkehrrecht – zu wechseln, wird von vielen explizit geäußert. Insbesondere überlange Arbeitszeiten lehnen die Familienernährerinnen vehement ab. Immerhin ein Viertel der online befragten Familienernährerinnen geben an, durchschnittlich überlange Arbeitszeiten, das heißt über 42 Stunden pro Woche, zu haben. Der Bedarf an kürzeren Arbeitszeiten und mehr Zeitsouveränität ist vor diesem Hintergrund wenig überraschend. Dies wird von einer 44-Jährigen IT-Systemingenieurin mit einem Kind verdeutlicht:

„Es müsste in der Gesellschaft angesehen sein, wegen Kindererziehung auch mal nicht 45 Stunden ranzuklotzen - durchaus eine Erwartung in der IT Branche. Ein Mensch, der wegen Kindererziehung oder Pflege von Angehörigen in Teilzeit arbeitet, zeigt eine anerkennenswerte Leistung.“

Ein großes Thema für Familienernährerinnen besteht in der eigenständigen Existenzsicherung bzw. in einem familienabsichernden Einkommen. Eine 36-Jährige verbeamtete Familienernährerin mit zwei kleinen Kindern, fordert daher die Politik und die Gesetzesgeber auf, die steuerlichen Regelungen für Alleinverdienerinnen familiengerechter zu gestalten:

„Es müsste Einkommenserhöhungen in Form von Kinderzuschlägen bis zum 18. Lebensjahr des Kindes geben und die Politik müsste ihre Steuerpolitik überdenken sowie auch alleinerziehenden Alleinverdienern echte steuerliche Entlastungen einräumen.“

Insbesondere alleinerziehende Familienernährerinnen bemängeln, dass sie steuerlich schlechter gestellt sind als verheiratete Eltern. Folglich wird das Steuersystem kritisch hinterfragt , so auch eine alleinstehende Beamtin:

„Warum werden alleinerziehende Familienernährerinnen schlechter gestellt als verheiratete Familienernährerinnen, die vom Ehegattensplitting profitieren? Warum darf ein/e Familienernährer/in, die/der allein ihre/seine minderjährigen Kinder ernährt nicht auch den Status ‚Familie’ angehören? Weshalb dürfen kinderlose Ehepaare eher die Bezeichnung ‚Familie’ führen und werden steuerlich familienpolitisch bessergestellt als Alleinerziehende mit Kindern?“

In diesem Zusammenhang bemängelt eine alleinerziehende 43-Jährige Angestellte (Vollzeitstelle) mit einem Kleinkind die familienpolitische Gesetzgebung. Sie fragt sich ebenfalls, wie es möglich ist, dass sie als Alleinerziehende steuerlich betrachtet weniger Netto hat als ein verheiratetes Paar:

„Eine Frage, die ich mir stelle, seit ich von meinem Mann (unser Kind war 1/2 Jahr bei Trennung) getrennt bin: Wieso wird man als Alleinerziehende von der im Familienverbund mit zu Hause sitzendem Mann und Steuerklasse 3 plötzlich in Steuerklasse 2 einsortiert (-1.000 €/Monat Netto)? Dabei bedeutet alleinerziehend, dass man einen weitaus höheren Betreuungsaufwand bezahlen muss.“

Hinsichtlich des beruflichen Alltags im Betrieb ist bei den Fragebögen besonders aufgefallen, dass Karriereförderung und berufliche Weiterbildung für viele Familienernährerinnen nicht ansatzweise selbstverständlich ist und sie sich mehr Unterstützung wünschen. Die 36-Jährige teilzeitbeschäftigte Beamtin mit zwei Kindern berichtet von den Hindernissen, sich beruflich weiterzubilden:

„Negative Erfahrungen habe ich durch die Umwandlung meiner Vollzeittätigkeit in eine Teilzeitbeschäftigung erfahren, die durch die Geburt meiner Kinder bedingt ist. Arbeitgeber sieht seit der Teilzeitbeschäftigung keine Möglichkeit einer beruflichen Weiterbildung bzw. Weiterentwicklung, insbesondere deshalb weil ich nicht verheiratet bin und ggf. das Risiko bestünde, dass ich aufgrund eventueller Krankheiten meiner Kinder und Schließungszeiten der Kita ausfallen könnte.“

Ähnlich schildert es auch eine 44-Jährige Personalberaterin mit Kind, die für viele andere Familienernährerinnen, aber auch für Frauen und Männer in Teilzeitbeschäftigung spricht, wenn sie folgendes fordert:

„Darüber hinaus müsste es gezielte Weiterbildung und Karriereförderung vermehrt auch bei Teilzeitkräften geben und eine Abwendung von der Illusion, dass nur Vollzeitkräfte Verantwortung tragen können.“

Von positiven Erfahrungen, bezüglich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, berichtet eine 41-Jährige leitende Angestellte für Finanzen, Controlling und Personal mit Partner und zwei Kindern:

„Unterstützung haben wir beide von unseren familienfreundlichen Arbeitgebern erhalten. Die Teilzeittätigkeit meines Mannes ist so vereinbart, dass er ab Mittags für die Kinder da sein kann. Mein Arbeitgeber hat vollstes Familienverständnis und ich kann flexibel auf alle Gegebenheiten reagieren.“

Im Gegensatz zu diesem vorbildlichen Beispiel, zeigt sich anhand der überwiegenden Aussagen der Frauen, dass nach wie vor großer Handlungsbedarf im betrieblichen Umfeld besteht. Die Vereinbarkeit von Beruf und Fürsorgeverpflichtungen stellt ein immer wiederkehrendes Problem dar. Darunter lässt sich eine Herausforderung von Alleinerziehenden fassen, die häufig damit zu kämpfen haben, dass ihre Leistungen gesellschaftlich nicht entsprechend honoriert werden, wie das folgende Zitat der 43-Jährigen Designerin mit einem Kind zeigt:

„Es sollte nicht nur diesen defizitären Blick auf Alleinerziehende geben, sondern die Leistungen dieser Personen positiv herausgehoben werden. Das heißt also, was Alleinerziehende für diese Gesellschaft leisten, in dem sie alleine einen Teil der künftigen Generation groß ziehen!“


Desgleichen geben sich Familienernährerinnen nicht mit der traditionellen Zuweisung von Geschlechterrollen zufrieden und fordern vielfältige Rollen für alle Geschlechter. Die Projektingenieurin für Reinraumtechnik, 44 Jahre und in Partnerschaft lebend mit drei Kindern, möchte mehr Gleichberechtigung für Frauen und Männer:

„Die Trennung zwischen den Geschlechtern und ihren Rollen muss aufgehoben werden. Die allerwenigsten Berufe oder Lebenssituationen können nur jeweils von Mann ODER Frau gemeistert werden.“

Um diesem Rollendilemma zu entgehen, schlägt die 44-Jährige Familienernährerin einen konkreten Lösungsweg vor. Rollen sollten gewechselt werden, da das Verharren in einem Rollentypus nicht erstrebenswert sei. Sie formuliert dies in ihren eigenen Worten folgendermaßen:

„Es sollte möglich sein, im Laufe eines Lebens öfter einmal in einer Partnerschaft die Rollen zu wechseln. So könnten Überlastungen vermieden werden und jeder hätte die Chance auf berufliche und private Verwirklichung. Außerdem könnte man seinen Kindern gerecht werden und ihnen - egal welches Geschlecht sie haben - positive Rollenbilder von beiden Seiten vorleben.“

Familienernährerinnen haben darüber hinaus mit ganz alltäglichen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, wie es die folgende alleinstehende 48-Jährige Geschäftsstellenleiterin in einem Forschungsinstitut mit drei Kindern schildert:

„Der Spagat zwischen dem geringen Einkommen und meinen Ansprüchen an die Ausbildung und Erziehung meiner Kinder war die größte Herausforderung und zugleich die negativste Erfahrung. Schnell bin ich da an meine und die gesellschaftlichen Grenzen gestoßen.“

Die meisten der online befragten Familienernährerinnen haben Kinder zu versorgen, so dass ihr Anliegen, dass Kinder nicht zur Armutsfalle oder zu einem Karrierehemmnis werden, besonders verständlich wird. So betont die 44-Jährige IT-Systemingenieurin mit einem Kind, dass Kinder eine Selbstverständlichkeit in der Gesellschaft sein sollten:

„Kinder müssen wieder selbstverständlich werden! Durch Kinderziehung oder Pflege Angehöriger darf niemand in Armut geraten oder berufliche Nachteile haben.“

Das Projektteam bedankt sich ganz herzlich bei allen Familienernährerinnen an der Online-Umfrage für die Teilnahme und die Zeit, die darauf verwendet wurde, ausführlich von den positiven und negativen Erfahrungen des Alltags zu berichten!

Wir freuen uns über die zahlreichen Beiträge und lassen diese in unsere weitere Projektarbeit gerne einfließen!

Ihr Projektteam „Familienernährerinnen“

 

 
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