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Warum werden Frauen Familienernährerinnen?

Jede Frau kann im Lebensverlauf Familienernährerin werden – nach einer Scheidung, wenn der Partner seinen Job verliert oder weil sie erfolgreicher ist im Job. Immer häufiger tragen Frauen die finanzielle Verantwortung in der Familie. Bereits für jeden 5. Mehrpersonenerwerbshaushalt verdienen sie als Alleinerziehende oder Partnerin den größeren Teil des Haushaltseinkommens oder unterhalten von ihrem Einkommen allein die Familie.

In den neuen Bundesländern finden sich häufiger Konstellationen mit Familienernährerinnen als in Westdeutschland. Dort wird bereits jeder vierte Mehrpersonenerwerbshaushalt

 

überwiegend von einer Frau finanziell versorgt.

Der Anteil von Frauen mit Hauptverdienst in Paarhaushalten liegt im Osten bei 15 Prozent gegenüber 9 Prozent im Westen der Republik.(1) Auch alleinerziehende Familienernährerinnen sind in den neuen Bundesländern häufiger vorzufinden: Mit 26 Prozent lag ihr Anteil im Jahr 2010 deutlich über dem in Westdeutschland mit 18 Prozent. Laut Bundesministerium für Arbeit und Soziales lässt sich der Anstieg der Alleinerziehenden der letzten Jahre hauptsächlich durch die Entwicklung in Westdeutschland zurückführen, wo die Zahl der Alleinerziehenden steigt.(1).

 
 
Mehrpersonenerwerbshaushalte in Deutschland (2007)
 

Die Gesellschaft hat sich gewandelt. Wie kommt es dazu, dass heute Frauen zunehmend die Familie ernähren? Fest steht: Familienernährerinnen stehen plakativ für zwei gesellschaftliche Wandlungsprozesse der letzten Jahre und Jahrzehnte.

 
 

Familienernährerinnen – Eine weibliche Erfolgsgeschichte

Auf der einen Seite sind die sehr guten Bildungs- und Berufsabschlüsse von Frauen sowie eine in Westdeutschland zunehmend und in Ostdeutschland anhaltend hohe Erwerbsorientierung und Erwerbstätigkeit von Frauen ein Grund für mehr weibliche finanzielle Verantwortung in den Familien.

Vor allem junge Frauen – in West- wie in Ostdeutschland – sind stark berufsorientiert. Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im August 2010 ist 71 Prozent der unter dreißigjährigen Frauen beruflicher Erfolg wichtig. Sie unterscheiden sich damit kaum mehr von den jungen Männern, von denen drei Viertel (76 Prozent) Erfolg im Beruf für wichtig halten.(2)

Die Orientierung auf Beruf und Arbeitswelt von Frauen lässt sich auch in dem Anstieg ihrer Erwerbstätigkeit – vor allem in Westdeutschland – ablesen. Die Erwerbstätigenquote von Frauen in Deutschland lag im Jahr 2009 bei 66 Prozent.(3) Das bedeutet, dass mehr als zwei von drei Frauen im Alter von 15 bis 64 Jahre erwerbstätig sind. Sie tun dies jedoch überwiegend im Rahmen einer Teilzeitbeschäftigung.

Dabei sind Frauen für den Arbeitsmarkt bestens qualifiziert. 45 Prozent der 25- bis 35-jährigen Frauen verfügen über ein Abitur und 17 Prozent über einen akademischen Abschluss. Damit sind junge Frauen besser ausgebildet als junge Männer in dem Alter, von denen 40 Prozent ein Abitur und 13 Prozent einen akademischen Abschluss vorweisen können.(2)

Frauen können und wollen heute mehr denn je erwerbstätig und damit ökonomisch unabhängig sein – den Emanzipationsbewegungen sei Dank.

 

Mit einer qualifizierten Erwerbstätigkeit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen im Familienzusammenhang den „Löwenanteil“ erwirtschaften. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sie im Lebensverlauf zunehmend in die Rolle der Familienernährerin kommen. So werden Frauen beispielsweise aufgrund eines „weiblichen Karrierevorsprungs“ (4) zur Hauptverdienerinnen in der Familie. Ein Beispiel dafür ist Frau Blume, die sich schneller erfolgreich beruflich weiterentwickelt hat als ihr ebenfalls hochqualifizierter – und einige Jahre jüngerer – Lebenspartner.

"Also mehr verdienen werde ich aufgrund der Tatsache, dass ich schon 10 Jahre arbeite, immer. Und einen guten Job habe. Weil ich da mittlerweile in Bereiche gekommen bin, wo man als Experte halt auch dasteht. Von daher, die 10 Jahre kann er glaube ich nicht mehr aufholen."
Frau Blume


Oder eine gemeinsame Entscheidung des Paares führt dazu, dass sie phasenweise die Familie ernährt – etwa weil sich der Partner noch der Ausbildung oder einer Weiterbildungsphase befindet. Ähnliches schildert auch Frau Antonius:

"Und dann hat mein Mann nach dem Examen erst noch eine Doktorarbeit angeschlossen. Und ich war dann eben schon recht bald mit der Ausbildung auch fertig und hatte dann ein festes Einkommen, was ihm auch den Abschluss der Arbeit ermöglicht hat. Wir haben das aber ganz bewusst so entschieden."
Frau Antonius

Familienernährerinnen, die die Rolle der Hauptverdienerin bewusst anstreben und darauf hinarbeiten, haben meist eine hohe Qualifikation bzw. höhere Qualifikation als ihr Partner, ergaben qualitative Studien.(4)

 
 

Familienernährerinnen – die Kehrseite der Medaille

Auf der anderen Seite fällt es Männern zunehmend schwerer, einen Lohn zu verdienen, der für die gesamte Familie reicht. Auch die Arbeitswelt hat sich gewandelt. Seit Ende der 1990er Jahre ist in Deutschland ein Anstieg so genannter atypischer Beschäftigungsverhältnisse zu verzeichnen. Wie die Graphik abbildet, nahm die Anzahl von Befristungen ebenso zu wie die Verbreitung von Leiharbeit, Minijobs und (Solo)Selbstständigkeit. Die Anzahl der Teilzeitstellen (mit weniger als 31 Stunden pro Woche) hat sich seit Mitte der 1990er Jahre sogar verdoppelt. Inzwischen arbeiten demnach nur noch rund 60 Prozent aller Erwerbstätigen in einem Normalarbeitsverhältnis, das heißt in einem unbefristeten sozialversicherungspflichtigen Vollzeitjob außerhalb der Leiharbeitsbranche.

Zwar haben besonders häufig Frauen atypische Jobs im Rahmen von Teilzeitarbeit, der Rückgang des Normalarbeitsverhältnisses lässt jedoch auch Männer auf dem Arbeitsmarkt zunehmend unter Druck geraten. Nicht selten sind Männer heute im Lebensverlauf arbeitslos oder erzielen phasenweise kein familienabsicherndes Erwerbseinkommen mehr. Nahezu jeder Dritte der Partner von Familienernährerinnen in Deutschland ist arbeitslos, ein ebenso großer Anteil ist nicht erwerbstätig. Frau Zander, die als Krankenschwester arbeit und ein Kind hat und deren Mann trotz Facharbeiterausbildung und Umschulung langzeitarbeitslos ist, ist ein Beispiel hierfür.

"Ja, mein Mann […] gelernt hat er Baumaschinenschlosser und dann hat er noch mal eine Umschulung als Bauzeichner gemacht. Und so, wie er mit der Umschulung fertig war, hieß es dann plötzlich: Ja, wir nehmen Studentenpraktikanten. Also da ist kein Ausgebildeter mehr eingestellt worden. Und da ist es eigentlich sehr schwer geworden mit Arbeit."
Frau Zander

Daneben gibt es zwar einen ebenfalls großen Anteil an Paaren, in denen der Partner erwerbstätig ist.

 

Aber immerhin jeder fünfte Mann einer Familienernährerin arbeitet Teilzeit. Das legt die Vermutung nahe, dass der Mann häufiger ein vergleichsweise niedriges Einkommen bezieht.

Auch vor diesem Hintergrund steigt die Bedeutung des Einkommens von Frauen innerhalb der Familie. Denn wo der Mann als Familienernährer ausfällt, müssen Frauen im Lebensverlauf kurz- oder langfristig mit ihrem Verdienst einspringen (können). Häufig sind Familienernährerinnen mit Partnern zusammen, die von Arbeitslosigkeit oder Niedriglohn betroffen sind. Auch Krankheit und Erwerbsunfähigkeit des Mannes kann in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen.

"Mein Mann ist krank und ist dadurch als Ernährer direkt ausgefallen. Das war eigentlich so die Ursache, die uns jetzt da rein geschmissen hat, sage ich mal […] und er hat das jetzt seit 1998. Da war unsere Tochter vier Jahre alt."
Frau Prinz

Darüber hinaus wirkt sich der Wandel des Sozialstaates auf die Lebenswirklichkeit vieler Frauen und Männer sowie Paare aus. Durch seinen Umbau im Rahmen der Agenda 2010 ist es vor allem jede/r einzelne Erwachsene, der/die für den eigenen Lebensunterhalt (geschlechterunabhängig) verantwortlich ist. Im Zuge der „Aktivierungspolitik“ ist das Subsidiaritätsprinzip gestärkt worden: Kann der eigene Lebensunterhalt bzw. der der Familie nicht durch Erwerbsarbeit gesichert werden, werden die Mitglieder der Bedarfsgemeinschaft herangezogen. Im Falle von (Langzeit)Arbeitslosigkeit werden damit nicht nur Frauen von ihren Partnern finanziell abhängig, sondern auch Männer von ihren Frauen. Auch damit hinge das Aufkommen von Familienernährerinnen zusammen, schreiben die Forscherinnen.(4)

Die Erwerbssituation des Partners nimmt damit eine entscheidende Rolle für das Zustandekommen von Familienernährerinnen-Konstellationen ein. Viele Frauen rutschen ungeplant in diese Rolle.

 
 
 
 
 

Familienernährerinnen – allein erziehend, allein wirtschaftend

Frauen tragen im Grunde schon lange die finanzielle Hauptverantwortung für ihre Familie – denn auch Alleinerziehende sind Familienernährerinnen. In der Regel sind es die Frauen, die nach Trennung, Scheidung oder auch Versterben des Partners für das Einkommen der Familie zuständig sind. In neun von zehn Fällen ist der alleinerziehende Elternteil die Mutter.(6) Im Jahr 2010 betrug die Zahl der Ein-Eltern-Familie Deutschlandweit bereits 1,6 Millionen, darunter 1,4 Millionen alleinerziehende Frauen.(7) Alleinerziehende Familienernährerinnen mit minderjährigen Kindern stellen zudem eine wachsende Familienform dar.

Die Zahlen geben jedoch nur einen statischen Zeitpunkt im Lebensverlauf vieler Frauen (und Männer) wieder.

 

Die tatsächliche Zahl der Mütter und Väter, die innerhalb ihres Lebens mindestens einmal alleinerziehend – und damit Familienernährer/in – sind, ist deutlich höher. Alleinerziehende empfinden diese Familienform selbst als Prozess und Phase im Lebensverlauf. In vielen Fällen ist dem Familienernährerinnen-Status eine andere Familienformen vorausgegangen: 58 Prozent der Alleinerziehenden waren vorher verheiratet, 37 Prozent waren ledig und ca. 6 Prozent der alleinerziehenden Familienernährerinnen sind verwitwet.(7) Ähnlich wie Familienernährerinnen in Paarhaushalten geraten Alleinerziehende also mehrheitlich ungewollt aufgrund von Ehescheidungen oder Trennungen in die Rolle der Familienernährerin. Lediglich 14 Prozent betrachten ihre derzeitige Familiensituation als Wunschfamilienform.(6)

 
 

Familienernährerin. Wer sind sie?

Für das wachsende Phänomen der Familienernährerinnen muss zusammenfassend gesagt werden, dass die meisten Frauen ungeplant und unfreiwillig in die Rolle der Ernährerin der Familie rutschen. Das Familienarrangement muss dann als ungeplant und unfreiwillig bezeichnet werden.

Auch wenn es die gut ausgebildeten und beruflich erfolgreichen Hauptverdienerinnen gibt – sie stellen eine Minderheit unter den Familienernährerinnen dar. Nicht ganz ein Drittel (29 Prozent) verfügt über einen akademischen Abschluss.

 

Eine deutliche Mehrheit von etwa 54 Prozent der Frauen, die ihre Familie ernähren, verfügen über einen Berufsabschluss und 18 Prozent erwirtschaften den Hauptverdienst sogar ohne einen Berufsabschluss zu haben. Die Forscherinnen schreiben dazu:

"Es zeigt sich, dass die ‚Gewinnerinnen’ der beruflichen Entwicklung von Frauen nicht unbedingt in der Gruppe der Familienernährerinnen anzutreffen sind – vor allem nicht unter den alleinerziehenden Familienernährerinnen". (8)

 
 
 

Unter allen Familienernährerinnen sind mit 46 Prozent am häufigsten Frauen im mittleren Alter (31 bis 50 Jahre) vertreten. Immerhin jede dritte Frau (32, Prozent) mit finanzieller Hauptverantwortung für die Familie ist 51 Jahre und älter. Jüngere Frauen bis 30 Jahre sind unter allen Familienernährerinnen dagegen am seltensten zu finden, sie machen einen Anteil von 21 Prozent aus.

Was passiert, wenn das Familienarrangement ungeplant und häufig unfreiwillig anders aussieht als geplant? Unter welchen Bedingungen ernähren Frauen die Familie? An welchen Fronten auf dem Arbeitsmarkt, im Betrieb und in der Familie und im Haushalt kämpfen sie? Die folgenden Seiten geben Aufschluss über die Arbeits- und Lebensbedingungen von Familienernährerinnen in Deutschland.

 
 

 
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