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Starke Frau(en)?! Familienernährerinnen verdienen mehr Wertschätzung!
 

Auf dem Punkt gebracht…

Frau R. kommt aus Schleswig-Holstein und versorgt als Familienernährerin ihren Mann und ihren 12 Jahre alten Sohn. Die 44-Jährige ist als Juristin beschäftigt und arbeitet durchschnittlich 30 Stunden pro Woche. Ihr monatliches Nettoeinkommen beträgt 1.900 Euro. Ihr Mann ist erwerbsunfähig und bezieht eine Erwerbsminderungsrente in Höhe von 800 Euro.

 

Frau R. ist ungewollt in die Rolle der Familienernährerin geraten: Ihr Partner kann auf Grund einer schwerwiegenden Erkrankung keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgehen. Zu dem Zeitpunkt als ihr Partner erkrankte und als Ernährer ausfiel, stieg Frau R. nach ihrem Erziehungsurlaub wieder in ihren alten Beruf ein. Sie war bereits vor der Geburt ihres Kindes in Teilzeit beschäftigt, so dass sie trotz ihrer neuen Rolle als Hauptverdienerin nur einer Beschäftigung mit 30 Stunden nachgehen konnte. Die Familie erhielt viel Hilfe von Außen: Ein Netzwerk für Familienhilfe (BRÜCKE) unterstütze die Familie bei dem Umgang mit der Erkrankung ihres Partners. Durch Vorbilder aus ihrer Familie, die auch berufstätig waren, schöpft Frau R. Kraft um gestärkt mit ihrer Lebenssituation umgehen zu können.

„Ich war froh, dass ich nach dem Erziehungsurlaub für mein Kind wieder in demselben Betrieb arbeiten konnte. Bereits vor der Schwangerschaft hatte ich ‚nur’ Teilzeit gearbeitet, insofern entfiel die Auseinandersetzung mit meinem Arbeitgeber zu diesem Zeitpunkt.
Da mein Mann kurz nach der Geburt unseres Kindes erkrankte, musste ich die Familie mehr oder weniger allein durchbringen. Er bekam schließlich (rückwirkend) eine Erwerbsminderungsrente bewilligt. Weitere Unterstützung bekam ich dadurch, dass mein Kind einen Ganztagesplatz im Kindergarten bekam. Aufgrund der Erkrankung meines Mannes benötigten wir außerdem viel Unterstützung durch die BRÜCKE, die sich um psychisch Kranke und deren Familien kümmert sowie durch die örtliche Familienhilfe.
In meiner Herkunftsfamilie habe ich viele berufstätige weibliche Vorbilder erlebt, die alleinstehend oder verwitwet waren und sich und ihre Familien durchgebracht haben. Diese Frauen waren Jahrgänge 1924-1930 - eine starke Frauengeneration!“

Trotz der Unterstützung von Außen, stand die Familie vielen Herausforderungen gegenüber: Die Familienernährerin berichtet von Existenzängsten in der Zeit als ihr Mann noch keine Erwerbsminderungsrente bezogen hatte. Frau R. hat auch mit familiären Problemen zu kämpfen: Frau R. erhält von der Familie ihres Mannes kaum Anerkennung für ihre Leistungen als Hauptverdienerin. Vielmehr führt ihre Familienkonstellation zu Irritation, wie die Familienernährerin hier berichtet:

„Die Zeit bis zur Anerkennung der Erkrankung meines Mannes durch die Behörden war sehr quälend für die Familie. Wir hatten große Existenzängste.
Im privaten Umfeld gab es Hindernisse von Seiten der Familie meines Mannes, die bis heute (10 Jahre später) leugnet, dass mein Mann psychisch krank ist. Er kann seiner Rolle als Familienvater dadurch nur zeitweise gerecht werden und so akzeptiert die Familie auch nicht, dass ich die Familienernährerin bin. Eine Anerkennung für meine Leistung, die Familie zusammengehalten zu haben, erhalte ich von dieser Seite nicht.“

Die dreiköpfige Familie steht großen gesellschaftlichen Herausforderungen gegenüber: Laut Frau R. verhindern gesellschaftliche Strukturen eine weitläufige Akzeptanz psychischer Erkrankungen, wodurch sich ihre Familie stigmatisiert fühlt. Die Familienernährerin fordert deswegen mehr Anerkennung für Familienangehörige, die zu hause Pflegeaufgaben nachgehen (müssen).

„Die Akzeptanz psychischer Erkrankungen müsste größer werden. Dies ist immer noch ein Stigma in der Gesellschaft. Die Erkrankung meines Mannes hat uns als Familie insgesamt sehr isoliert. Außerdem sollte es mehr Anerkennung für jene geben, die einen Familienangehörigen pflegen. Ich wünsche niemanden finanzielle Ängste und Stigmatisierungen, wie ich sie erlebt habe.“

Frau R. hat zudem ganz grundsätzliche Ansprüche an ihren beruflichen Alltag. Mit Blick auf ihre Erwerbsbiografie und ihre Rentenansprüche möchte sie gerne ihr Stundenvolumen erhöhen. Die Aufstockung der Arbeitszeit ließe sich mit ihrem 12 Jahre alten Sohn vereinbaren, doch ihr Arbeitgeber lehnt eine Erhöhung der Stundenanzahl ab. Und das obwohl es nach der Ansicht von Frau R. genügend Bedarf im Betrieb gäbe.

„Heute möchte ich gerne mehr arbeiten, um höhere Rentenansprüche im Alter zu erwerben. Mein Sohn ist nun auch aus dem Gröbsten raus, so dass dies auch gut vereinbar wäre.
Eine Erhöhung der Stundenzahl ist jedoch bei meinem Arbeitgeber ausgeschlossen. Hier wünsche ich mir mehr Flexibilität von meinem Arbeitgeber! Arbeit gäbe es genug in der Firma, nur bezahlen will sie keiner!“

Das Einkommen von Frau R. hat den Lebensunterhalt der Familie gesichert. Ihre gute Ausbildung sowie ihre kurze familienbedingte Erwerbsunterbrechung haben es ihr möglich gemacht, auf eigenen Beinen stehen zu können und ihre dreiköpfige Familie zu ernähren. Die Familienernährerin äußert jedoch auch, dass es die Familie bedauert, kein zweites Kind bekommen zu haben. Die Lebensumstände haben es nicht möglich gemacht.

„Ich bin froh, dass ich eine gute Ausbildung erworben habe und dass ich trotz unseres Kindes nicht lange aus dem Berufsleben ausgeschieden bin.Im Krisenfall konnte ich so unsere Familie über Wasser halten und diese ernähren. Allerdings muss ich gestehen, dass ich gerne mehr Kinder als nur eines gehabt hätte, was in unserer Familienkonstellation leider nicht möglich war. Es war auch so schon ein großer Balanceakt und die Belastung, die mit einem zweiten Kind mit sich kommt, habe ich mir nicht zugetraut.“


 

Die Familienernährerin macht deutlich, dass die Gesellschaft einen nachhaltigen Bewusstseinswandel in Sachen Pflege braucht. Sie fordert mehr Anerkennung für Frauen, die durch Pflege- und Erziehungsaufgaben sowie durch die Erwerbstätigkeit einer Mehrfachbelastung ausgesetzt sind. Frau R. weist zudem mit ihren Ausführungen auf die Bedeutung der Erwerbsbiografie hin: Eine gute Ausbildung, kurze Erwerbsunterbrechungen und eine Beschäftigung mit hohem Arbeitsumfang ermöglichen eine eigenständige Existenzsicherung – auch im Rentenalter.

 
 
DGB Frauen