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Klare Forderungen einer Familienernährerin: Entgeltgleichheit und eine bessere Vereinbarkeit
 

Auf den Punkt gebracht…

Frau M. ist 47 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in Schleswig-Holstein. Der höchste Bildungsabschluss der Familienernährerin ist das Abitur. Sie arbeitet als Sozialversicherungsfachangestellte durchschnittlich 38 Stunden pro Woche und bezieht ein Nettomonatseinkommen von 2.390 Euro. Ihr Partner ist erwerbsunfähig und bezieht eine monatliche Erwerbsunfähigkeitsrente von 1.000 Euro.

 

Die finanzielle Situation von Frau M. wurde kritisch, als ihr Mann unerwartet krank und damit voll erwerbsunfähig wurde. Die Mutter zweier Söhne gelang somit unbeabsichtigt und unerwartet in die Rolle der Hauptverdienerin. Ihre Berufsausbildung und ihre jetzige Beschäftigung haben die Familie davor bewahrt, finanziell abzurutschen. Die Familienernährerin berichtet zudem von Unterstützung und Anerkennung von Außen für ihre Situation:
 

„Es macht mich stark, dass ich mit meinem Beruf meine Familie ernähren kann, nachdem mein Mann durch seine schwere Herzerkrankung voll erwerbsunfähig wurde mit 48 Jahren, das hat uns gerettet. Ich erlebe immer wieder, dass andere Frauen, die in einer ähnlichen Situation sind, mit ihrem Gehalt nicht ihre Familie ernähren können, da es dafür nicht reicht. Ich freue mich jeden Monat neu, dass ich Abitur habe und eine zweite Ausbildung damals gemacht habe. Dies erzähle ich auch meinen Jungs, damit sie an unserem Beispiel erfahren, dass es sich lohnt, immer weiter zu lernen und sich nicht auf dem Erreichten ausruhen. Von außen erhalte ich nur positives Feedback - Wie du das schaffst! Toll! Ich könnte das nicht! - Unsere Eltern helfen auch wo sie können.“

Trotz der Unterstützung und der guten finanziellen Haushaltssituation berichtet Frau M., dass sich Beruf, Kindererziehung und Haushaltstätigkeiten schwer vereinbaren lassen und eine Belastung für die Familienernährerin bedeuten. Herr M. kann wegen seiner Krankheit keine schweren Hausarbeiten übernehmen. Deswegen liegen viele Haushaltsaufgaben trotz ihrer finanziellen Hauptverantwortung gegenüber der Familie im Aufgabenbereich von Frau M. Eine Mehrfachbelastung der Familienernährerin entsteht neben ihrer Erwerbstätigkeit, Haus- und Fürsorgearbeit durch die Situation ihres kranken Mannes, den die Familie emotional auffangen muss. Die Herausforderungen und Sorgen des Alltags beschreibt Frau M. wie folgt:

„Den Spagat zwischen Haushalt, Kindern und Büro zu wuppen ist auch mit einem Mann, der zu Hause ist nicht einfach. Es hat gedauert, bis sich seine Erkrankung soweit eingependelt hat, dass er wenigstens ein bisschen im Haushalt machen kann (Frühstück, Abendbrot, Wäsche). Alles Schwere (Staubsaugen, Staubwischen, Bad wischen usw.) bleibt an mir hängen und dafür benötige ich dringend die Hilfe der Kinder. Partnerschaftlich werde ich immer stärker, er immer schwächer, das bekommt seiner Seele nicht (er ist depressiv geworden neben allen seinen anderen Begleiterkrankungen), wir versuchen uns Hilfe bei einer Therapeutin zu holen. Ich muss akzeptieren, dass der Haushalt bzw. das Haus nicht so aussehen, wie ich es gerne hätte. Aber zumindest können wir die Raten weiter zahlen und müssen nicht verkaufen. Es bleibt immer irgendwas Wichtiges liegen und das nervt sehr. Auch die Kinder kommen oft zu kurz und mussten lernen, speziell mit dem kranken Vater klar zu kommen“.

Nach Frau M. müsste die Politik gegen die Entgeltungleichheit der Geschlechter vorgehen. Die ungleiche Bezahlung von Löhnen zwischen Frauen und Männern ist für sie nicht akzeptabel. Darüber hinaus bemängelt sie die Kinderbetreuungszeiten, die den Bedürfnissen und den Arbeitszeiten von erwerbstätigen Frauen (und Männer) nicht nachkommen.

„Unterschiedliche Gehälter für Frauen und Männer müssen der Vergangenheit angehören! Frauen sind in den letzten Jahren immer besser ausgebildet, aber durch Teilzeit nach dem Kinderkriegen sitzen sie in der Familienfalle und haben kaum Chancen im Beruf weiter zu kommen und dadurch ihr Gehalt zu erhöhen. Sind sie dann entweder alleinerziehend oder alleinverdienend, können sie ihre Familie nicht ernähren.
Auch die Kinderbetreuung in Deutschland muss einfacher werden für Frauen und Familien. Die Zeiten sind oft nicht kompatibel mit den Arbeitszeiten der Teilzeit arbeitenden Frauen.“

Nach Frau M. besteht in Sachen Kinderbetreuung auf betrieblicher Ebene ein erheblicher Verbesserungsbedarf – insbesondere im Bezug auf die Gestaltung der Arbeitszeiten. Diese müssten passgenauer auf die individuellen Bedürfnisse der Arbeitnehmer abgestimmt werden. Nur so kann eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelingen.

„Hinsichtlich der Kinderbetreuung gibt es auch auf betrieblicher Ebene Verbesserungspotenzial. Die Unvereinbarkeit von Betreuungs- und Arbeitszeiten erleben wir immer wieder (bin Sachbearbeiterin für Assistenz und Personal) im Alltag. Es gibt noch zu viele Chefs, die noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen sind.“

Frau M. ist mit ihrer Gesamtsituation als Familienernährerin trotz einer Reihe an alltäglichen Herausforderungen zufrieden. Mit ihrer guten Ausbildung gelingt es ihr eine eigenständige Existenzsicherung aufzubauen und ihre Familie zu versorgen. Ihr persönliches Statement als Familienernährerin:

„Ich persönlich habe kaum Probleme mit meiner Situation. Finanziell geht es und organisatorisch sind wir auf einem guten Weg. Ich gehe gern arbeiten, meine Arbeit ist gut, abwechslungsreich und sehr interessant. Es gibt Tage, da bin ich richtig froh, ins Büro zu können, zum Beispiel wenn unser pubertierender 14-jähriger wieder aufdreht.“


 

Auf Grund der Erwerbsunfähigkeit ihres Mannes ist die Familienernährerin mehrfach belastet: Sie trägt die Verantwortung für die finanzielle Absicherung der Familie sowie für Haushalts- und Erziehungsaufgaben. Obwohl sie sich mit ihrer Situation arrangiert hat, muss sich auf dem Arbeitsmarkt vieles verbessern: Ein existenz- bzw. familienabsicherndes Einkommen muss mit dem Verdienst aus einer Beschäftigung möglich sein, die Betrachtung der Frau als Zuverdienerin ist längst überholt und vielfältige Rollenbilder sowie mehr Möglichkeiten für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie müssen geschaffen werden.

 
 
DGB Frauen