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Alleinerziehende Familienernährerin mit fünf Kindern?! Diese Frau macht’s vor!
 

Auf den Punkt gebracht…

Frau K. ist eine alleinerziehende Familienernährerin aus Bayern. Sie hat insgesamt fünf Kinder zwischen 14 und 24 Jahren. Familienernährerin ist sie bereits seitdem ihr jüngstes Kind die 2. Klasse besucht. Der höchste Schulabschluss der 47-Jährigen ist das Abitur. In ihrem Beruf als Erzieherin arbeitet sie durchschnittlich 39 Wochenstunden. Mit einem Nettoeinkommen von 1.750 Euro ernährt sie die sechsköpfige Familie.

 

Frau K. Arbeits- und Lebensalltag ist sowohl von positiven als auch von negativen Erfahrungen geprägt. Ihr privates Umfeld unterstützt die alleinerziehende Mutter wo es nur geht. Dadurch ist es Frau K. möglich einer Vollzeitbeschäftigung nach zu gehen. Vorbehalte gegenüber einer alleinerziehenden Mutter erfährt die Familienernährerin in der Arbeitswelt: Zweifel darüber, ob eine alleinerziehende Familienernährerin mit der gleichen Zuverlässigkeit ihrer Beschäftigung nachkommen kann, wie eine Frau ohne Kinder oder mit Partner bleiben Frau K. nicht verborgen. Im kommenden Abschnitt berichtet sie von diesen Erfahrungen:

„Auf dem Arbeitsmarkt wurde meine Situation als Familienernährerin zwiespältig aufgenommen. Wie sollte eine Mutter mit fünf Kindern Vollzeit arbeiten können? Da ist doch der Arbeitsausfall schon durch Krankheitstage der Kinder vorprogrammiert. Allerdings findet sich ganz viel Erfahrung aus dem privaten Bereich, die in den Beruf eingebracht werden kann. Erzieherin habe ich erst als Zweitberuf erlernt, als mein jüngstes Kind in eine Kita ging. Alleinerziehend bin ich seit das jüngste Kind die 2. Klasse besuchte und arbeitete zu diesem Zeitpunkt in einer Elterninitiative. Ich bekam einerseits Verständnis, aber anderseits auch kritische Stimmen zu hören, wenn eins der Kinder krank wurde und ich deshalb verhindert war. Oft sprangen meine Eltern ein, die 150 km entfernt wohnen und machten sich auf den Weg, mein Kind zu betreuen, damit ich arbeiten gehen konnte.“

Weitere Erzählungen aus dem Leben der Familienernährerin zeigen, dass es ihr schwer fällt, Erwartungen Dritter zu erfüllen, wie zum Beispiel wenn Lehrerinnen und Lehrer die Sprechstunden nicht verlegen können oder wollen, weswegen Frau K. gezwungen ist, extra Urlaubstage zu nehmen. Nicht nur die Erwartungshaltung Dritter, sondern auch der Wunsch der Kinder, mehr Zeit mit ihrer Mutter zu verbringen, erschweren den Alltag von Frau K.. Die Doppelbelastung der Familienernährerin wird deutlich: Auf der einen Seite bräuchten die Kinder mehr Familienzeit, auf der anderen Seite ist eine Arbeitszeitreduzierung auf Grund der alleinigen finanziellen Verantwortung nicht möglich. In ihren Aussagen lässt sich diese Mehfachbelastung erkennen:

„Bei manchen Lehrern meiner Kinder stieß ich auf wenig Verständnis meiner Situation als Alleinerziehende: Sie waren nicht bereit, die Sprechstunde auf den Anfang oder das Ende des Arbeitstages zu verlegen. Letzten Endes musste ich einen Urlaubstag nehmen, um ein wichtiges Gespräch für meine Kinder zu führen.
Meine beiden Jüngsten wünschten sich in der Grundschulzeit, dass sie nicht in Hort oder zur Mittagsbetreuung gehen müssten, obwohl sie sich dort wohl fühlten und gut betreut waren. Auch heute wünscht sich mein 14-Jähriger, dass ich mittags nach Hause komme nach der Schule und nachmittags da bin, da er zu Hause alleine ist und das nicht gern hat. So läuft oft der TV oder PC, damit er sich nicht allein fühlt. Leider ist es dann schwierig für ihn, die Geräte wieder abzuschalten. Obwohl er einen großen Freundeskreis hat und sportlich aktiv ist.“

Laut Frau K. sind Politik und Gesellschaft gefragt um die Situation von Hauptverdienerinnen zu verbessern. Politik- und Gesellschaftsakteure müssen dafür sorgen, dass die Situation von (alleinerziehenden) Familienernährerinnen mehr geschätzt wird - unabhängig davon, ob Frauen oder Männer mit Erziehungsaufgaben. Frau K. macht konkrete Vorschläge: Ihr ist es wichtig den Urlaubsanspruch von Beschäftigten mit Fürsorgeverantwortung auszuweiten und mehr freie Tage zu bekommen, wenn ein krankes Kind gepflegt werden muss. So berichtet sie:

„In der Gesellschaft müsste die Rolle der Familie viel mehr Wertschätzung erfahren. Kindererziehung wird meines Erachtens absolut unterbewertet. Als alleinerziehender Elternteil hat man - egal ob Mann oder Frau – einen bezahlten Vollzeitjob und einen unbezahlten 24-Stunden Job, der sieben Arbeitstage die Woche einfordert und weder Urlaub noch Krankheit kennt. Das wird in keiner Weise gewürdigt, sondern als schlichtweg selbstverständlich angesehen.
Als eine Lösungsmöglichkeit würde ich vorschlagen, den Urlaubsanspruch für Erziehende grundsätzlich pro Kind zu steigern und diesen für Alleinerziehende entsprechend ihrer Belastung erhöhen. Auch an der Besteuerung darf da gerne noch gearbeitet werden! Wichtig ist doch zu erkennen, dass es kein Urlaub ist, wenn ein krankes Kind gepflegt werden muss. Oft opfern Eltern ihre Urlaubstage, weil die zugebilligten Freistellungstage der Krankenkasse nicht ausreichen. Ein 11-jähriges krankes Kind ist nun mal nicht in der Lage, sich den ganzen Tag allein zu versorgen!“

Doch Frau K. möchte mehr! Sie fordert die Entgeltgleichheit und eine Lohnersatzleistung für alle Beschäftigten mit Fürsorgeaufgaben. Es dürfe ihrer Meinung nach nicht sein, dass berufstätige Eltern auf Grund ihrer Erziehungsaufgaben beim Einkommen Abstriche machen müssten. Auf betrieblicher Ebene könnten außerdem die Weiterbildungsmöglichkeiten ausgeweitet und an die Familiensituation angepasst werden. Frau K. formuliert ihre Forderung hier:

„Die Arbeit von Frauen müsste aufgewertet werden. Dazu gehören auch familienangepasste Angebote im Bereich Arbeitszeit, ohne Einkommensverlust. Darüber hinaus wünsche ich mir mehr Unterstützung hinsichtlich der Weiterbildung. Als Alleinerziehende ist es sehr schwierig zu studieren, da ich Vollzeit arbeiten muss, damit wir finanziell über die Runden kommen. Ich bekomme kein Bafög und für ein Fernstudium fehlt dadurch das Finanzielle. Letztendlich müsste ich zusätzlich arbeiten um mir das Studium zu finanzieren, Zeit für das Studium aufbringen, womit dann keine Zeit mehr für die Kinder bleiben würde. Vielleicht könnte einen der Arbeitgeber noch mehr unterstützen, damit man Möglichkeiten bekommt, die oft als erstes an den Finanzen scheitern.“

Frau K. ist eine Familienernährerin, die sich in allen Lebensbereichen durchkämpfen muss. Mit fünf Kindern und ohne partnerschaftliche Hilfe steht sie besonderen Herausforderungen gegenüber. Mit Blick auf die schlecht bezahlten frauendominierten Branchen setzt sie sich in ihrem Statement für eine gleiche Bezahlung aller Beschäftigten ein. Sie hat den gesamtgesellschaftlichen Wandel längst erkannt: Frauen sind nicht mehr nur Zuverdienerinnen und haben ein Recht auf gleiche Löhne wie Männer.

„Insgesamt sind für mich Frauen immer noch benachteiligt. Ein paar wenige mag es geben, die als Ausnahmen die Regel bestätigen. Doch immer noch sind Frauen vermehrt im sozialen Bereich zu finden, in dem viel niedrigere Löhne bezahlt werden als im produzierenden Gewerbe. Dabei wird dort nur ‚abgesahnt’, was im sozialen Bereich in langer Arbeit vorbereitet wurde! Eine Gruppenleitung oder eine Leitung einer sozialen Einrichtung hat die Verantwortung für einige Menschen, muss für diese planen und vorbereiten. Das ist genauso viel wert wie die Arbeit eines Abteilungsleiters oder Managers einer Firma, Bank oder Handwerksbetrieb! Aber leider setzen sich dafür noch zu wenig Leute ein: Frauen sind ja oft auch ‚nur’ Zweitverdiener und der Mann bringt das Geld nach Hause - aber eben nicht immer! Spätestens dann bekommt man die Konsequenzen zu spüren: finanzielle Einbußen, keine Förderung für das Kind, keine Weiterbildung für die Mutter, sozialer Abstieg.“


 

Die alleinerziehende Familienernährerin hat nicht nur den Rollenwandel der Frauen erkannt, sondern trägt in ihrer Rolle aktiv dazu bei: Sie steht für die eigenständige geschlechterunabhängige Existenzsicherung ein und macht klare Ansagen, warum und wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für alle Familienmodelle möglich sein müsse. Für die Familienernährerin handelt es sich hierbei um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe: Politik, Betriebe und die Gesellschaft müssen dafür sorgen, dass jeder einzelne mit seinem Verdienst eine wirtschaftliche Unabhängigkeit erreichen und zugleich Erziehungsaufgaben nach gehen kann.

 
 
DGB Frauen