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Die Zeit von Familienernährerinnen ist knapp – Wir brauchen eine bessere Verteilung von Arbeits- und Lebenszeit!
 

Auf den Punkt gebracht…

Frau J. aus Hessen ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Die 42-jährige Familienernährerin mit einem akademischen Abschluss arbeitet als Beraterin durchschnittlich 40 Stunden pro Woche. Dabei bezieht sie ein monatliches Nettoeinkommen von 2.500 Euro.

 

Frau J. erhält in ihrem alltäglichen Umfeld viel Anerkennung für ihre Vollzeitbeschäftigung und die Erziehung ihrer zwei Kinder. Unterstützung findet die alleinerziehende Mutter vor allem im Austausch mit anderen Frauen, die ähnlichen Anforderungen begegnen. Berichtet Frau J. von ihrer betrieblichen Situation zeigt sich ein anderes Bild: Nach der Familienernährerinnen werden Kinder im Betrieb nicht ausreichend wertgeschätzt:

„Wird darüber gesprochen, dann wird es mir hoch angerechnet, dass ich es schaffe, mit zwei Kindern eine volle Stelle zu haben. Die Kinder müssen sehr selbständig sein. In der Qualifizierungsberatung hilft es mir mit Frauen in Kontakt zu kommen, die ähnliche Herausforderungen haben. Vor neun Monaten habe ich die Chance bekommen aus einer miserabel bezahlten Halbtagsstelle raus zu kommen und meinen Kindern erstmals ohne ein schlechtes Gewissen ein paar Schuhe kaufen zu können. Ich habe einen Vertrauens- und Erfahrungsvorschuss durch meine Lebenserfahrung bekommen und durch den Willen, Verantwortung zu übernehmen und zu handeln. Im Arbeitsleben ist es besser, nichts über die Kinder zu sagen, denn dann werde ich für voll genommen. Wenn ich nichts über meine Kinder sage, kommt es dem gleich, dass ich keine Schwäche zeige.“

Der Alltag als berufstätige Alleinerziehende gestaltet sich für Frau J. sehr schwer. Sie klagt über einen akuten Zeitmangel: Selten kann sie auf die Bedürfnisse ihrer Kinder in dem Umfang eingehen, wie sie es sich wünscht. Auch beruflichen Anforderungen, wie zum Beispiel die Teilnahme an Abendveranstaltungen kann sie nicht ausreichend nachkommen. Über Zeit für sich selbst und zur Erholung verfügt sie kaum. Den Grund dafür sieht die Familienernährerin in ihrem Status als alleinerziehende Mutter: Die Möglichkeit, Fürsorge, - Haus- und Erwerbsarbeit partnerschaftlich aufzuteilen hat sie nicht. Einige Personen bringen dafür kein Verständnis auf, so schildert sie:

„Ich habe einfach keine Zeit. Keine Zeit meine Tochter zum Training zu begleiten, rechtzeitig beim Grillen mit der Klasse meines Sohnes zu sein, regelmäßig die Hausaufgaben nachzuschauen und Referate zu begleiten, Bücher abzugeben usw. Ich habe keine Zeit Überstunden zu machen, bei allen notwendigen oder nötigen Abendveranstaltungen dabei zu sein oder mit meinem Chef abends eine Präsentation durchzugehen. Sozialkontakte kann ich auch nicht pflegen und meinen wöchentlichen Yogatermin einzuhalten ist fast unmöglich, da ich einfach keine Zeit habe. Mein Kollege, der eine Beziehung führt und Vater eines Kindes ist, geht davon aus, dass ich genauso verfügbar bin wie er. Auch die Mutter, die eine Beziehung führt ist darüber irritiert, dass ich mit meinen Kindern keine Hausaufgaben machen kann. Gleichwohl soll und will ich mich natürlich auch weiterbilden mehrere Wochen im Jahr, aber woher die Zeit nehmen? Zu Hause ist eine strikte Organisation angesagt:Die Kinder brauchen einen Ansprechpartner, doch oft bin ich in entscheidenden Situationen nicht da, weil ich mich darum kümmere einen guten Job zu machen und diesen zu behalten, um endlich aus den prekären Verhältnissen raus zu kommen.“

Frau J. formuliert klare Forderungen: Sie spricht sich für die Einführung einer 30-Stunden-Woche aus, um der Doppelbelastung einer Familienernährerin durch Erziehungsaufgaben und der finanziellen Alleinverantwortung entgegenzuwirken. Und sie will mehr: In Gesellschaft und Politik soll sich grundsätzlich etwas bewegen! Dazu zählt sie, dass es in Deutschland einer größeren Willkommenskultur für Kinder bedarf und die Haus- und Fürsorgearbeit stärker honoriert werden müsste. Sie kritisiert darüber hinaus die steuerlichen Regelungen in Deutschland mit Blick auf die ehebezogenen Leistungen, die die Ehen steuerlich begünstigen und Alleinerziehende mit Kindern benachteiligen.


„Ich möchte grundsätzlich eine 30 Stunden Woche für alle. Was die Betreuung der Kinder angeht, sollte es mehr Ganztagsbetreuungsmöglichkeiten geben, so dass Hausaufgaben und Lernen in der Schule geschieht. Kinder sollten in der Gesellschaft mehr Willkommen sein und es sollte auch als eine gemeinsame Aufgabe gesehen werden, dass Kinder eine gute Erziehung bekommen. Auch Nachbarn, Vermieter, Busfahrer usw. tragen zu einer kinderfreundlichen Gesellschaft bei.
Ich wünsche mir außerdem, dass die Arbeit zu Hause aufgewertet wird und als gesellschaftliche Verantwortung besser wertgeschätzt wird, insbesondere durch zeitliche und steuerliche Unterstützung für Ein-Eltern-Familien. Ich frage mich, wo es hier die Witwenrente oder das Ehegattensplitting für Alleinerziehende gibt, die doch die doppelte Arbeit ganz alleine tragen.“

Auch auf betrieblicher Ebene sieht Frau J. grundlegenden Reformbedarf: Die Arbeitszeitgestaltung müsste an die Bedürfnisse der Arbeitnehmer angepasst und die Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert werden. So fordert sie familiengerechte Arbeitszeiten, die auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten werden können. Dabei bezieht sie sich nicht nur auf die regulären Arbeitszeiten, sondern auch auf Weiterbildungszeiten wie sie im Nachstehenden beschreibt:

„Ich könnte mir vorstellen, dass pro Kind prozentual mehr Freizeit für das gleiche Gehalt eingeführt werden sollte. Entweder sollte es, gerade für Alleinerziehende, so viel Urlaub geben, dass die Ferien abgedeckt werden können. Oder es sollte eine entsprechende qualitativ hochwertige Ferienbetreuung für arbeitende Eltern geben. Darüber hinaus sind klare Regeln zur Arbeitszeit und auch Schichtmodelle zu konzipieren, die sich der Familienzeit anpassen lassen. Weiterbildung sollte außerdem so organisiert sein, dass diese Kinder einbeziehen und es kein schier unlösbares Problem wird, wohin das Kind oder die Kinder während der Weiterbildungszeit sollen.“

Die 41-Jähige Alleinerziehende zeigt in ihrem persönlichen Statement auf, dass ihr Alltag eine ständige Gradwanderung zwischen Beruf und Familie sei. Mehrfachbelastungen und gesellschaftlichen Anforderungen sind Gründe dafür, dass sich die Familienernährerin in vielen Lebenslagen überfordert fühlt.

„Mich als gut ausgebildete Akademikerin zerreist der Spagat zwischen Lohnarbeit und Familie. Ich kann mich nicht auf das eine oder auf das andere mit gutem Gewissen einlassen. Auf der einen Seite bin ich glücklich über meinen Job und die Möglichkeiten, die ich hier habe mich zu Bilden und voran zu kommen. Auf der anderen Seite fehlt die qualitative Zeit mit meinen Kindern und der Druck aus der Schule hin zu einer perfekt zu funktionierenden schnellen Gesellschaft ist sehr hoch. Das ist zu viel für mich. Wenn ihr Frauen wollt, die arbeiten, dann macht auch etwas dafür, dass nicht nur die Frauen das System unterstützen, sondern auch das System die Frauen.“


 

Frau J. macht klar, dass nach wie vor viele Familienernährerinnen im Besonderen und Beschäftigte mit Fürsorgeverpflichtungen im Allgemeinen vor dem Problem stehen, Beruf und Familie unter einen Hut bringen zu können. Für Alleinerziehende mit einer Vollzeitstelle von 40 Stunden pro Woche ergeben sich besondere Schwierigkeiten in der alltäglichen Lebensgestaltung. Daran anknüpfend sollten laut Frau J. grundlegende gesamtgesellschaftliche Debatte über familiengerechte Arbeitszeiten geführt werden mit dem Ziel, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern.

 
 
DGB Frauen