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Wünsche einer alleinerziehenden Familienernährerin: Arbeitszeitsouveränität und ein existenzsicherndes Einkommen!
 

Auf den Punkt gebracht…

Die alleinstehende 50-Jährige Familienernährerin lebt in Nordrhein-Westfalen zusammen mit ihren zwei erwachsenen Kindern (20 und 22 Jahre alt). Frau O. hat nach ihrer mittleren Reife eine Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten gemacht und arbeitet in diesem Beruf durchschnittlich 50 Wochenstunden. Sie bezieht einen Verdienst von 1.800 Euro netto monatlich.

 

Die Kinder von Frau O. sind bereits aus dem Gröbsten raus, sodass sie hier als alleinerziehende Familienernährerin aus einem großem Erfahrungsschatz berichten kann. In der Vergangenheit konnte die Familienernährerin auf ein unterstützendes Umfeld zurückgreifen. Nur so gelang es ihr, trotz voller Erwerbstätigkeit die beiden Kinder ohne langfristige Folgen für ihre Gesundheit aufzuziehen:

„Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter e.V. hat mich stark unterstützt, und das seit 1992 bis heute. Ohne die finanzielle und zeitlich/ organisatorische Unterstützung meiner Eltern und Freund/innen, meiner persönlichen Energie und meinem Durchhaltevermögen hätte ich die letzten 20 Jahre nicht so überstehen können und meinen Arbeitsplatz und meine Gesundheit dauerhaft erhalten können.“

Neben den geschilderten positiven Erfahrungen hat die Familienernährerin mit vielen Herausforderungen zu kämpfen, so auch ihre Erwerbs- und Fürsorgearbeit unter einen Hut zu bekommen. Der Mangel an Kinderbetreuungsplätze ist nach Frau O. ein Grund dafür, dass sich Familie und Beruf nur schwer miteinander vereinbaren lassen. Hinzu kommt die Sorge um finanzielle Engpässe. Ein Blick in die Zukunft zeigt: die Familienernährerin fürchtet mangelnde finanzielle Mittel und fehlende Gesundheitsleistungen im Alter.

„Die Betreuungssituation der Kinder war immer ein riesiger Kraftakt und die städtischen Angebote haben zeitlich nie funktioniert oder waren oft qualitativ schlecht. Auch heutzutage bilden die Betreuungssituationen absolut nicht den beruflichen Alltag und Bedarfe von Eineltern- und Zweielternfamilien ab.
Persönlich haben meine finanziellen Sorgen bis heute nicht aufgehört. Meine Altersrente ist trotz durchgängiger Berufstätigkeit seit 1976 bis heute, das sind 37 Jahre laut Rentenbescheid, ab dem 65. Lebensjahr mit 1.200 Euro knapp über dem Existenzminimum. Für Studium und Ausbildung der beiden Kinder ist dies immer zu knapp. Ohne finanzielle Unterstützung meiner Eltern wäre das nicht zu schaffen, die selber nur eine kleine Rente zu zweit haben. Hinzu kommt beim älter werden, das wichtige Gesundheitsleistungen von den Krankenkassen kaum übernommen werden, wie z.B. Sehhilfen, Zahnersatz, Eigenanteil bei Medikamenten, Kur-/KH-Aufenthalten und die Mobilitätskosten für Öffentlichen Personennahverkehr immer stärker ansteigen.“

Frau O. hat sehr klare Vorstellungen davon, was die Politik und Gesellschaft ändern müssten, um die Situation von Familienernährerinnen und Eltern zu verbessern. Änderungsbedarfe sieht die Familienernährerin im Zugang zur qualitativ hochwertiger Kinderbetreuung und der Honorierung der Kindererziehungszeiten – auch für die Zeiten nach der Erwerbstätigkeit. Betreuungszeiten müssten erweitert werden, so dass es auch Eltern in Schichtarbeit möglich sei, qualitativ hochwertige Kinderbetreuung nutzen zu können. Forderungen, die sich auf eine Verbesserung der finanziellen Ressourcenlage von Familienernährerinnen beziehen, umfassen neben einer Kindergrundsicherung auch eine Mindestrente für alle mit Erziehungsaufgaben. Im folgenden Zitat beschreibt Frau O. ihre Wünsche und Forderungen für bessere Arbeitsbedingungen:

„Die Betreuungsangebote müssten ausgebaut werden von 7-22 Uhr und von Montag bis Samstag. Die Betreuung sollte über das 12. Lebensjahr der Kinder gewährleistet sein und an an die realen (Schicht-) Arbeitszeiten aller Familien angepasst werden. Außerdem sollte es mehr stabile finanzielle Unterstützung der Ein-Eltern-Familien geben sowie eine Kindergrundsicherung bis zum Ende der Ausbildung.
Hinsichtlich der Rente sollte es für jene mit Erziehungsleistungen bei gleichzeitiger Berufstätigkeit eine Mindestrente von 1.500 Euro geben. Die Rente muss deutlich über der Grundsicherung für ein Existenzminimum liegen. Es betrifft die Politik, mehr Möglichkeiten zur arbeitgeber- und krankenkassenfinanzierten Arbeitsgesundheitserhaltung (AGE-Management) durchgängig bis zum 65. Lebensjahr zu schaffen. Die Gesundheitserhaltungsangebote für Arbeitnehmer/innen und Familien sollten unbürokratischer gehandhabt werden und nicht direkt am Arbeits- oder Wohnort stattfinden. Um Burn-Out oder psychischen Belastungen vorzubeugen, sollte nicht mehr alles im Turboverfahren nach ökonomischen Gesichtspunkten und ohne Rücksicht auf die Lebensgesundheit verlaufen. Nur dann können wir langfristig selbst für uns sorgen und brauchen die sozialen Sicherungssysteme dann nur im Notfall.“

Die 50-Jährige Familienernährerin gibt sich kämpferisch für all ihre (Leidens-) Genossinnen und stellt eine Reihe von Forderungen auf. Hervorzuheben ist ihr Wunsch, Arbeitszeiten flexibel an die Bedürfnisse der Beschäftigten anzupassen. Daneben appelliert sie an Politik und Wirtschaft, die staatliche und betrieblichen Betreuungsinfrastruktur maßgeblich auszubauen. Ihre Forderungen zielen auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen ab. Nur so ist eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich. Im Einzelnen beschreibt sie dies wie folgt:

„Im Betrieb müssten mehr flexible Arbeitszeiten, mehr Homeoffice, mehr Vertrauensarbeitszeit, mehr Jahresarbeitszeitkonten, mehr Betriebskindergärten mit breiten Öffnungszeiten montags bis samstags angeboten werden. Außerdem sollte es eine betriebliche Altersvorsorge ohne Lohnabzug für Familieneltern geben. Es kann nicht sein, dass von einem geringen Arbeitslohn, der gerade die Familienexistenz sicher, auch noch die Altersvorsorge abgezweigt wird.“

Familiengerechte Arbeitsbedingungen sind die Schwerpunkte von Frau O. persönlichen Statements. Sie macht darauf aufmerksam, dass von Beschäftigten ein hohes Maß an Flexibilität gefordert sei, die Zeitsouveränität der Arbeitnehmer/innen dürfe aber nicht eingedämmt werden, sondern müsse ausgebaut werden. Schließlich ist sie der Auffassung, es müsse Eltern möglich sein, ihre Familie zu ernähren- unabhängig von der Familienkonstellation. Niemand solle in Armut geraten, insbesondere nicht auf Grund von Kindern:

„Die Betreuungsangebote/ Arbeitsbedingungen sind immer noch nicht den normalen, modernen Familienlebenswelten angepasst und hinken immer hinterher, teilweise werden diese Möglichkeiten sogar wieder zurückgebaut, wie z.B. Homeoffice, flexible Arbeitszeiten, Jahresarbeitszeitkonten usw. Doch auf der Kehrseite wird von allen familiengebundenen Arbeitnehmer/innen wiederum eine hohe Flexibilität und Leistungsbereitschaft gefordert, sofern sie ihren Arbeitsplatz erhalten wollen. Die meisten Familieneltern, egal ob Alleinerziehende oder nicht, müssen mehr denn je aus existenziellen Gründen arbeiten gehen. Und am Ende des Arbeitslebens der Lebensleistung muss auch danach die Altersvorsorge ausreichen und darf nicht in die nächste Existenzgefährdung (Altersarmut) übergehen, besonders bei Frauen/ Alleinerziehenden.“


 

Die Aussagen von Frau O. machen deutlich, dass es nicht reicht, nur auf die akuten Bedürfnisse der Familie einzugehen. Vielmehr muss eine eigenständige Existenz über alle Lebensphase hinweg gesichert werden. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist daran eng geknüpft. Nur durch gute Arbeitsbedingungen, Souveränität bei den Arbeitszeiten und vor allem eine weitreichende Betreuungsinfrastruktur ermöglicht Familienernährerinnen, sowohl auf eigenen Beinen zu stehen als auch den Familienaufgaben gerecht zu werden.

 
 
DGB Frauen