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Familienernährerinnen zu Hause

Familienernährerinnen stellen bestehende Rollenleitbilder in Frage und stiften Irritation. Das ist gut so! Statistisch gesehen sind Frauen, die ihre Familie ernähren, ein Spiegelbild der gestiegenen Pluralität in unserer Gesellschaft. Verheiratete Paare ohne Kinder, Eltern ohne Trauschein, alleinerziehende, aber nicht alleinstehende Mütter und Väter, geschieden Wieder-Verheiratete, Patchwork-Familien oder lebenslange Singles – die partnerschaftlichen und familialen Lebensformen in Deutschland haben sich ausdifferenziert und mit ihnen die Einkommenskonstellationen zwischen Männern und Frauen. Es erscheint daher nicht überraschend, dass sich auch das klassische Modell des männlichen Familienernährers zunehmend überholt.

Aber führt diese Modernisierung auch zu einer Neuverteilung von bezahlter Erwerbsarbeit und unbezahlter Haus- und Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen? Und welche Rollenvorstellungen haben Frauen und Männer heute eigentlich im Kopf?

 

Die Forschung zeigt: In Haushalten mit Familienernährerinnen herrschen oft noch traditionelle Rollenverteilungen. Zum größten Teil sind es die Frauen, die weiterhin die Hausarbeit und Fürsorgearbeit übernehmen, auch wenn sie mittlerweile die Hauptverdienerinnen im Haushalt sind. Diese Doppelbelastung erschwert Familienernährerinnen den Alltag.

Das Phänomen der Familienernährerin bietet Chancen und Herausforderungen zugleich, indem es die bestehende Ungleichheit bei der Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen Männern und Frauen deutlich macht. Familienernährerinnen fördern einerseits das Umdenken zu einem modernisierten Rollenverständnis von Frauen und Männern. Andererseits führen sie vor Augen, wie veraltete Rollenbilder und geschlechtsspezifische Zuschreibungen unnötig den Alltag belasten können. Der Blick auf Frauen (und Männer) muss sich ändern. Jede Frau kann heute im Lebensverlauf Familienernährerin werden!

 
 

1. Was wünschen sich die Deutschen? Geschlechterrollenbilder in Deutschland

Die Zustimmung in der Bevölkerung zu moderneren Formen des Zusammenlebens ist in den letzten Jahren stetig gewachsen. Nur ein kleiner Teil von 16 Prozent wünscht sich die klassische Variante des „männlichen Familienernährers“ mit einer nicht erwerbstätigen Hausfrau. Eine Partnerschaftskonstellation mit einer Familienernährerin entspricht ebenfalls nicht den Vorstellungen der meisten Befragten: Gerade einmal ein Prozent der erwachsenen Deutschen hält eine Familie, in der die Frau als Ernährerin mit einem nicht erwerbstätigen Mann zusammenlebt, für erstrebenswert.(1)

 

Die große Ablehnung in der Bevölkerung gegenüber Haushaltskonstellationen mit weiblicher Hauptverdienerin ist wenig überraschend, steht es doch den (vor allem im westdeutschen Modell) kulturell verankerten Geschlechterleitbildern entgegen. Frauen rutschen mehrheitlich unfreiwillig in die Rolle der Familienernährerin, das bestätigen auch die Einstellungen der Gesamtbevölkerung Deutschlands.

Die Mehrzahl der Befragten wünscht sich, dass beide Partner zum Familieneinkommen beitragen: Ein Drittel bezieht sich dabei auf ein „modernisiertes“ Ernährermodell, in dem die Frau auf Grundlage einer Teilzeitbeschäftigung hinzuverdient. Ebenfalls ein Drittel bevorzugt ein egalitäres Modell, in dem die Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen den Partnern gleich verteilt ist.(1)

 
 

„Gleichstellungsvorsprung“ in Ostdeutschland

Betrachtet man die Einstellungen hinsichtlich Geschlechterrollen von Frauen und Männern, lohnt sich ein Blick auf West- und Ostdeutschland. Nicht selten wird ostdeutschen Frauen ein so genannter „Gleichstellungsvorsprung“ attestiert, der sich auf ihre hohe Erwerbsorientierung bezieht. 1988 waren 83 Prozent aller arbeitsfähigen Frauen in der DDR beruflich tätig – ein im weltweiten Vergleich sehr hoher Stand. In der DDR wurde die Erwerbstätigkeit von Frauen konsequent staatlich gefördert, so dass Haushalte mit in etwa gleichen Einkommensbeiträgen beider Partner und eine Gleichzeitigkeit von (Vollzeit)Erwerbstätigkeit und Muttersein 1990 beinahe gesellschaftlicher „Normalzustand“ waren, was allerdings keineswegs eine partnerschaftliche Aufteilung der Haus- und Fürsorgearbeit zur Folge hatte.(2) Nach der Wende haben Frauen in den neuen Bundesländern an ihrer Erwerbstätigkeit und ihren modernen Einstellungen festgehalten. Damit waren sie innerdeutsche Trendsetterinnen.

 
Zustimmung zu einer traditionellen Arbeitsteilung im Ost-West-Vergleich (2008)

Es lässt sich eine Angleichung westdeutscher Frauen in ihren Orientierungen und ihrem Erwerbsverhalten an die ostdeutschen Geschlechtsgenossinnen feststellen, obgleich traditionelle Einstellungen im Westen bis heute auf einem höheren Niveau verharren.

In Westdeutschland stimmen knapp 40 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass es für alle Beteiligten besser sei, wenn der Mann voll im Berufsleben steht und die Frau zu Hause bliebe und sich um Haushalt und Kinder kümmere. In Ostdeutschland trifft dies mit 17 Prozent nicht einmal auf ein Fünftel zu.

 
 

Das Selbstverständnis von Familienernährerinnen in Ost- und Westdeutschland

Der so genannte Gleichstellungsvorsprung ostdeutscher Frauen und Männer bezüglich der Geschlechterrollenbilder zeigt sich sowohl bei den Familienernährerinnen als auch bei ihren Partnern. Auch wenn systematische Vergleiche in der Befragung von ost- und westdeutschen Familienernährerinnen ausstehen, zeigen sich Hauptverdienerinnen in den neuen Bundesländern in ihren Einstellungen moderner hinsichtlich Berufstätigkeit und Muttersein als Familienernährerinnen in den alten Bundesländern. So weisen die befragten ostdeutschen Frauen durchweg eine hohe Berufsorientierung auf.(2) Die Erwerbstätigkeit nimmt eine bedeutende Position im Leben und Selbstverständnis der befragten Familienernährerinnen ein. Ein Beispiel dafür ist Frau Fester, die mit 54 Jahren ein Altenheim leitet. Für sie bedeutet der Beruf persönliche Selbstverwirklichung.

"Das ist so eine Selbstbestätigung, also ich finde den Beruf wunderschön. Das ist auch für mich nicht wie Arbeit. Das ist ein Stück Leben."
Frau Fester

Das moderne Geschlechterrollenverständnis der befragten ostdeutschen Frauen äußert sich zudem in der Überzeugung, Erwerbstätigkeit und Mutterschaft vereinbaren zu können. Auch die Berufstätigkeit als Mutter von Kleinkindern wird nicht grundsätzlich in Frage gestellt.

Hier zeigt sich am ehesten ein Unterschied zu den befragten westdeutschen Familienernährerinnen. Viele verorten sich nicht vordergründig in der Erwerbsarbeit. In den Familien wurde – bis zum Familienernährerinnen-Status der Frau – lange eine traditionelle Aufgabenteilung verfolgt, so dass sich westdeutsche Familienernährerinnen durchaus eine ausschließliche Rolle als Hausfrau und Mutter im Rahmen einer Partnerschaft vorstellen können. Dies trifft vor allem auf Frauen höheren Alters und mit geringerer beruflicher Qualifikation zu (4):

"Ich würde es mir schon anders wünschen. Also ich würde doch lieber zu Hause sein mit dem Kind. Dafür bin ich, glaube ich, viel zu gerne Mama."
Frau Metzger

Entsprechend skeptisch äußerten sich die befragten westdeutschen Familienernährerinnen auch gegenüber der Betreuung ihrer Kinder in Kindertagesstätten oder Kindergärten. Nicht wenige von ihnen lehnen diese ab, wie das Zitat von Frau Bäcker deutlich macht (4):

"Die Kinder immer nur abzugeben, immer weg und nur Betreuung, Betreuung, Betreuung, halte ich alles für Kappes. […] Meine Kinder muss man nicht betreuen in irgendwelchen Gruppen oder weiß ich nicht, Institutionen. Muss man nicht."
Frau Bäcker

Die befragten ostdeutschen Familienernährerinnen stehen außerhäuslicher Kinderbetreuung dagegen aufgeschlossen(er) gegenüber. Frau Puttgarten etwa, die derzeit auf einer vom Arbeitsamt geförderten Teilzeitstelle arbeitet, versteht den Kindergartenbesuch ihrer Tochter auch vor dem dritten Lebensjahr als eine Selbstverständlichkeit – und das, obwohl sie selbst die ersten drei Jahre ihre Berufstätigkeit unterbrochen und für die Tochter zu Hause geblieben war (2):

 

"Ja, weil sie es hätte zu Hause nie haben können, mit Geschwistern oder wie auch immer. Und gerade auch im Wohngebiet, so üppig mit Kindern ist es auch nicht, dass sie da sich hätte erproben und das lernen können, [von daher] war mir das auch im Kindergarten schon wichtig."
Frau Puttgarten

Diese Selbstverständlichkeit von gleichzeitiger Mutterschaft und Erwerbstätigkeit führen die Frauen in den Interviews nicht zuletzt auf ihre ostdeutsche Herkunft zurück.

"Und ich sage mal, wir haben es ja im Osten nicht anders gelernt. Die Frau im Osten ist immer arbeiten gegangen."
Frau Hecht

Auch das in dem Zusammenhang traditionell verankerte Bild der finanziell unabhängigen Frau, wie es in der DDR weit verbreitet war, verhilft ihnen zu einer positiven Bewertung der eigenen Erwerbstätigkeit. Diese Einstellungen erleichtern es ihnen, die Rolle der Familienernährerinnen zu übernehmen – auch wenn dies ungeplant geschieht. Es überrascht daher nicht, dass ostdeutsche Familienernährerinnen ihre Rolle als Ernährerin überwiegend „schätzen“ können.(2)

Einen Lernprozess hinsichtlich des Bewusstseins für eine eigenständige Existenzsicherung beschreibt jedoch auch Frau Bäcker, alleinerziehende Familienernährerinnen aus den alten Bundesländern (4):

"Ja, ich bin geschieden, ganz einfach […] die Lebensplanung war vielleicht ein bisschen anders. Also, wir haben früher beide gut verdient, als wir noch ein paar waren. Und da haben wir uns das eigentlich so vorgestellt, dass ich mit den Kindern zu Hause bleibe und mein Mann halt der alleinige Ernährer der Familie ist […] und jetzt so langsam aber sicher setzt sich auch der Gedanke durch, dass ich meinen eigenen Lebensunterhalt bestreiten muss."
Frau Bäcker

Diese Unterschiede hinsichtlich des Selbstverständnisses der befragten Familienernährerinnen in Ost- und Westdeutschland können hier nur exemplarisch stehen. Auch in Westdeutschland gibt es stark beruflich orientierte Familienernährerinnen, die mit ihrer Rolle zufrieden sind. Andersherum gibt es ebenso in Ostdeutschland Frauen, die sich eine Rolle als „Zuverdienerin“ wünschen – jedoch auf einem hohen Niveau von Erwerbstätigkeit und eigenständiger finanzieller Absicherung. Als Referenzfolie dient den ostdeutschen Frauen überwiegend das Zweiverdiener-Modell, in dem die Erwerbstätigkeit beider Partner zu gleichen Teilen als ideale Paarkonstellation betrachtet wird.(4) Dies scheint ein expliziter Unterschied zwischen Familienernährerinnen in Ost- und Westdeutschland zu sein.

Auch bei alleinerziehenden Familienernährerinnen zeigt sich ein solcher Unterschied: In den neuen Bundesländern sind die Erwerbswünsche besonders ausgeprägt. Aber mit 89 Prozent der alleinerziehenden Müttern gibt eine überwältigende Mehrheit aller Frauen an, dass die eigene Erwerbstätigkeit „sehr wichtig“ oder „ziemlich wichtig“ ist. Da sich die Frage einer finanziellen Absicherung über ihren Partner nicht stellt, steht das Erreichen ökonomischer Sicherheit für sich und ihre Kinder aus eigener Kraft an oberster Stelle. Viele alleinerziehende Familienernährerinnen betrachten Erwerbstätigkeit daher als Teil ihrer Identität.(5)

 
 

Gemeinsamkeiten ost- und westdeutscher Familienernährerinnen

Gemeinsam ist allen Familienernährerinnen, dass sie über fehlende Mutter-Kind-Zeit klagen, die mit dem Familienernährerinnen-Status und der Dauer ihrer Arbeitszeiten einhergeht. Zweifel angesichts ausgedehnter Betreuungszeiten der Kinder zeigen sich bei allen Frauen. Sie würden lieber auf ein, zwei Stunden Erwerbsarbeit täglich verzichten und dafür mehr Zeit für ihre Kinder haben.

"Man hat ja immer das schlechte Gewissen, weil man nie da ist, weil man wenig Zeit hat."
Frau Graf

Die Forscherinnen machen zudem darauf aufmerksam, dass eine gute finanzielle Situation der ostdeutschen Frauen und ihrer Familien eine Wertschätzung der eigenen Ernährerinnenrolle begünstigen. Armut, aber auch Erwerbslosigkeit des Partners erschweren diese dagegen.(5) Ähnliches dürfte für Westdeutschland gelten: Wo Frauen es kaum schaffen, ihre Familie durch ihre Erwerbstätigkeit finanziell abzusichern und sich schlechte Verdienst- und Aufstiegschancen der Frauen mit Arbeitslosigkeit oder Krankheit des Partners verbinden, können Familienernährerinnen ihre Situation nur schwerlich wertschätzen.

 

Einen Anlass zur Klage bietet in dem Zusammenhang auch der Druck, der auf den Frauen lastet, für die Familie finanziell (allein-)verantwortlich zu sein – nicht selten mit gesundheitlichen Folgen:

"Im Moment ist es eben einfach so, dass das alles irgendwo an mir hängt. Ja, die Sicherheit und wie es dann weitergeht und was ich mir da einfallen lasse, das hängt eigentlich doch an mir. Und das belastet mich auch. Weil das ist irgendwie keine gesunde Situation hier."
Frau Damm

Auch alleinerziehende Familienernährerinnen fühlen sich häufig überfordert angesichts der alleinigen Verantwortung für die finanzielle Absicherung der Familie. Ein Teil der Frauen ohne klagt darüber, oft am Ende ihrer Kräfte zu sein, unter den Einschränkungen der Mutterrolle zu leiden oder sich den neuen Aufgaben und Anforderungen nicht gewachsen zu sein. Insgesamt wünschen sich Alleinerziehende mehr gesellschaftliche Akzeptanz als Familienform. In ländlichen Regionen erleben alleinerziehende Mütter häufiger soziale Vorurteile.(5)

 
 

2. Gleichberechtigte häusliche Arbeitsteilung – Mehr Wunsch als Realität

Nicht immer lassen sich die bereits weiter oben angesprochenen gewünschten modernen Partnerschaftsformen realisieren. Im Gegenteil: zwischen den Normen und Wünschen von Paaren einerseits und der Realität von Männern und Frauen in Partnerschaften andererseits besteht in vielen Fällen eine Diskrepanz. Die Zustimmung zu einer gleichberechtigten Aufteilung der Aufgaben in Haushalt und Familie ist groß – unabhängig von Geschlecht, Region, Erwerbsumfang und Alter. So stimmen 97 Prozent der Bevölkerung ab 18 Jahren der Aussage zu, dass sich Frauen und Männer in einer Partnerschaft die Aufgaben in Haushalt und Familie gleichberechtigt teilen sollen.

 

Die Praxis spricht jedoch eine andere Sprache. Hier zeigt sich ein Ungleichgewicht hinsichtlich der tatsächlichen Verteilung von Erwerbsarbeit und unbezahlter Haus- und Sorgearbeit zwischen Paaren – zu Ungunsten von Frauen. Während sich bei jungen Männern und Frauen im Alter zwischen 19 und 29 Jahren die Aufteilung bezahlter und unbezahlter Arbeit in etwa gleich zeigt, fällt die unterschiedliche Zeitverwendung nach Geschlecht in anderen Altersgruppen deutlicher aus. Im Lebensverlauf übernehmen Frauen das Gros der unbezahlten Arbeit und erzielen damit – mit Ausnahme der Altersgruppe der 30- bis 44-Jährigen – ein höheres Gesamtarbeitsvolumen als Männer. Kurzum: Frauen arbeiten alles in allem mehr.

 
 

Fazit: Ein gleichberechtigtes Zweiverdienermodell mit geteilter Verantwortung für Haus- und Sorgearbeit wird seit Jahren häufiger gewünscht als tatsächlich gelebt.

 

In Familienernährerinnen-Haushalten ist die klassische Rollenverteilung – er verdient das Familieneinkommen, sie übernimmt die unbezahlte Arbeit – aufgehoben. Familienernährerinnen arbeiten im Vergleich zu allen Frauen überdurchschnittlich häufig in Vollzeit (vgl. Familienernährerinnen auf dem Arbeitsmarkt). Alleinerziehende Familienernährerinnen müssen per se die Doppelbelastung von Erwerbstätigkeit und Familienarbeit stemmen. Aber was ist mit den Hauptverdienerinnen mit Partner? Erhalten sie Entlastung bei der unbezahlten Arbeit im Rahmen der Paarbeziehung?

 
 

Frauen sorgen fürs Geld – und für die Familie

Im Gegensatz zu der scheinbaren Modernität, von der mit einem wachsenden Anteil von Familienernährerinnen-Haushalten ausgegangen wird, lässt sich bei Familienernährerinnen und ihren Partnern häufig dennoch eine traditionelle Aufteilung der Haus- und Fürsorgearbeit feststellen.(8)/(9) Anders als männliche Hauptverdiener werden Ernährerinnen nicht automatisch durch ihre Partner von der unbezahlten Arbeit entlastet. Im Alltag führt dies zu enormen Doppelbelastungen der Frauen.

Die Ursachen dafür sind vielschichtig und liegen keineswegs ausschließlich bei den Männern. Auch die Familienernährerinnen selbst sehen sich in der Verantwortung, weiterhin den Haushalt und die Kindererziehung zu übernehmen.(2) Viele befragte Familienernährerinnen, ob in Ost- oder Westdeutschland, betrachten die Hausarbeit als ihre Verantwortung und ihren Einflussbereich, in dem sie die Standards definieren:

"Also man macht ja noch als Frau auch vieles dann. Ja? Ich meine, wenn er (…) nach dem Baden das Bad aufräumen würde, da würde ich sowieso noch mal durchgehen. Ja."
Frau Heise

So musste Frau Löffler, die als Altenpflegerin die Familie ernährt, weil ihr Mann erkrankt ist, erst lernen, sich nicht für alle häuslichen Arbeiten zuständig zu fühlen:

"Und zu Anfang, da habe ich halt auch wirklich gedacht, nein, das muss ich noch machen und das muss ich noch machen. Und das ist meins und das ist Haushalt und das ist ... Da habe ich mir auch nicht so helfen lassen, wie ich das jetzt so tue."
Frau Löffler

Auch in punkto Fürsorgearbeit ist die Zuständigkeit der Mütter für ihre Kinder häufig ungebrochen.(2) Traditionelle Arbeitsteilungsmuster in der Kinderbetreuung und der Hausarbeit finden sich bei Familienernährerinnen in West- wie Ostdeutschland gleichermaßen.

Gleichzeitig scheinen viele Männer von Familienernährerinnen auch nicht bereit zu sein, mehr Zeit für unbezahlte Arbeit zu übernehmen als vorher.

 

Bei der Befragung westdeutscher Familienernährerinnen kam heraus, dass auch mehr Zeitressourcen der Partner, etwa im Falle von Arbeitslosigkeit oder beschränkter Erwerbsfähigkeit, keinen nennenswerten Einfluss auf die Übernahme von Haus- und Fürsorgearbeit durch den Mann hat.(4)

Auch alleinerziehende Familienernährerinnen können selten auf die Unterstützung des Ex-Partners bei der Kinderbetreuung hoffen. So weiß Frau Bäcker, westdeutsche Familienernährerin von ihrem Ex-Mann zu berichten (4):

"Aber da möchte er nicht involviert werden. Nein. Also ich soll meinen Kram selber regeln."
Frau Bäcker

Wo die Partner Teile von Haus- und Sorgearbeit übernehmen, werden diese von den Frauen aufgewertet. Frau Dreher etwa arbeitet 45 Stunden in der Woche und hat zudem erhebliche Pendelwege zu bewältigen. Ihr Mann arbeitet Teilzeit. Angesprochen auf die Aufgabenverteilung zwischen ihnen, sagt sie (4):

"Ich denke, es ist für ihn zum Teil ein Zeitproblem […], weil er jetzt zwar eine halbe Stelle hat, aber trotzdem – gut, er muss vorbereiten dann für die Schule. Er macht nebenbei ehrenamtliche Sachen. Also er ist schon ganz gut ausgelastet."
Frau Dreher

Auch Familienernährerinnen in Ostdeutschland neigen dazu, das Engagement ihrer Partner im Haushalt und bei der Kinderbetreuung aufzuwerten. Aber zumindest dort, wo die Partner über mehr Zeitressourcen verfügen, scheinen die Aushandlungsprozesse ostdeutscher Familienernährerinnen hinsichtlich der Verteilung von unbezahlter Arbeit im Vergleich erfolgreicher zu sein.(2)

Festzuhalten bleibt: Ob als alleinerziehende Familienernährerin oder mit Partner, Frauen bleiben weiterhin für den Großteil der Haus- und Fürsorgearbeit zuständig, auch wenn sie die Hauptverantwortung für die finanzielle Absicherung der Familie tragen. Ein Rollentausch zwischen den PartnerInnen, in dem der Mann für Haus und Kinder zuständig ist, während die Frau das Geld erwirtschaftet, findet mehrheitlich nicht statt.

 
 

Partner von Familienernährerinnen zu Hause engagierter

Richtig ist aber auch: Partner von Hauptverdienerinnen sind stärker im Haushalt und bei der Kinderbetreuung engagiert als Männer in anderen Paarkonstellationen.(2) So verwenden Partner von Familienernährerinnen vor allem mehr Zeit auf die Kinderbetreuung als Männer, die selbst die Familie ernähren, oder in Haushalten mit egalitärer Einkommenserwirtschaftung leben. Auch hinsichtlich der Übernahme von Hausarbeit greifen Partner von Hauptverdienerinnen vergleichsweise öfter zu Kochlöffel, Staubsauger oder Putzlappen als Männer in anderen Paarkonstellationen. Auffälliges Ergebnis der qualitativen Befragungen in beiden Teilen Deutschlands: Besonders häufig übernahmen die Partner der interviewten Familienernährerinnen das Kochen für die Familie – bemerkenswert deshalb, weil Frauen in Deutschland im Allgemeinen nach wie vor die „Ernährungsministerinnen“ der Familie sind.(10) Frau Bäcker, wohnhaft in den alten Bundesländern, erzählt etwa (4):

"Ja, das hat sich von Anfang an mehr oder weniger ergeben, dass er für die Küche zuständig ist, weil er sehr viel Spaß daran hat. Und ich hasse es […] Ich bin sehr glücklich, dass ich nicht in die Küche muss."
Frau König

Ausschlaggebend für eine gerechte(re) Verteilung der unbezahlten Arbeit scheinen hier vor allem die Qualifikation der Frauen bzw. egalitäre Rollenvorstellungen der Partner zu sein: Hochqualifizierte Familienernährerinnen oder Paare mit einer explizit auf Gleichberechtigung ausgerichteten Haltung, handeln noch am ehesten eine höhere Beteiligung der Männer aus.(4) Das gilt für die befragten Familienernährerinnen-Haushalte in Ost- wie Westdeutschland. Frau Paasche arbeitet als Chirurgin in einem neuen Bundesland und hat mit ihrem Mann, einem Physiotherapeuten, ein gemeinsames Kind. Auf die Frage, was geschehe, wenn das Kind plötzlich erkranke, antwortet sie:

"Das haben wir so geregelt mein Mann und ich. Wenn wir jetzt beide auf Arbeit sind und der Kindergarten ruft an, das Kind ist krank, dann wird immer mein Mann einspringen, erstmal. Der macht immer die Akutsituation, weil er einfach gehen kann. Dann müssen Patienten umbestellt werden oder so, was bei mir nicht möglich ist, weil, wenn ich im OP stehe, kann ich nicht sagen ... […] Wenn die Krankheit des Kinder länger dauert, dann bleibe ich dann zu Hause. Dann kann ich es ankündigen auf der Arbeit, dann wissen die Bescheid, das ist so die Situation."
Frau Paasche

 

Aber auch jenseits von modernen Rollenvorstellungen und Hochschulabschluss scheinen Veränderungen im Paar möglich. Die Interviews mit ostdeutschen Familienernährerinnen haben ergeben, dass vor allem das Verfügen über mehr Zeit, etwa aufgrund längerer Phasen von Arbeitslosigkeit oder einer Erwerbsunfähigkeit, bei den Befragten zur Neuverhandlung von Haus- und Fürsorgearbeit führten – und damit schließlich zu einem höheren Engagement der Männer.(2) Frau Löffler, Altenpflegerin, beschreibt den Weg zu einer neuen Aufgabenteilung mit ihrem erwerbsunfähigen Mann, als einen Prozess, der erst angestoßen wurde, nachdem deutlich wurde, dass sie nun dauerhaft Familienernährerin sein würde.

"Und das hat eine ganze Weile gedauert, bis wir wirklich darüber geredet haben und dass wir uns jetzt halt auch die Arbeit so einteilen. Wir haben ein gutes Miteinander jetzt. Mein Mann kocht und macht im Haushalt das, was ihm möglich ist. […] Aber es hat gedauert, ehe man überhaupt die Situation ... das ist genau das Gegenteil von dem, was wir eigentlich für uns geplant hatten. Und uns auch gewünscht hatten. Und zu Anfang haben wir ja immer noch gedacht, dass ist bloß vorübergehend. Das wird wieder und er kann wieder arbeiten. Von daher, dass war schon ein ganz schöner Schock, als wir gemerkt haben, dass das auf Dauer so bleiben wird."
Frau Löffler

Angesichts der noch immer alltäglichen traditionellen Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen in Paarbeziehungen, erscheint es nicht überraschend, dass Veränderungen hinsichtlich der Verteilung unbezahlter Arbeit, aktiv von den Frauen angestoßen werden müssen und als Prozess ablaufen. Dieser startet nicht mit dem ersten Tag, an dem ihr Gehaltscheck seinen übertrifft, sondern häufig erst, wenn ihr Hauptverdienst nicht mehr als vorübergehend angesehen wird.

 
 

3. Perspektivwechsel: Was wünschen sich Männer?

Auch viele Männer möchten heute nicht mehr nur der Ernährer der Familie sein. Auch wenn sich knapp 95 Prozent der Männer in Deutschland nach wie vor in der Hauptverantwortung für die finanzielle Absicherung der Familie sehen, wünschen sich genau so viele Männer, als Vater Zeit für das Kind zu haben. Vor konkreten beruflichen Einbußen schreckt dagegen eine Mehrheit der Männer nach wie vor zurück. Aber mindestens zwei von fünf Männern würden den Beruf zugunsten des Kindes zurückstellen.

Groß ist auch die Bereitschaft von Vätern, ihre Arbeitszeit für die Familie zu reduzieren. Über die Hälfte der Väter gibt an, grundsätzlich weniger in der Woche arbeiten zu wollen. Mindestens jeder fünfte Vater wünscht sich eine um einen Tag verkürzte, Arbeitswoche. Auch hier liegen Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander: Die tatsächliche Arbeitszeit von Männern liegt aufgrund von Überstunden häufig über der tariflichen Vollzeitarbeit.

Mehr Zeit für die Familie entspräche im Übrigen auch dem Wunsch der Kinder. Ein Viertel aller 9- bis 14-jährigen wünscht sich mehr Zeit mit ihren Vätern, so das Ergebnis einer Studie zu den Wünschen von Kindern.(13) Kinder wünschen sich vor allem gemeinsames Spielen mit dem Vater sowie gemeinsames Kochen und Sport treiben.

 

Männer, die eine aktive Vaterschaft verwirklichen wollen, ecken in der Realität häufig an. So treffen Väter, die am Arbeitsplatz auf ihre familialen Verpflichtungen hinweisen, bei Vorgesetzten und Kollegen oft auf Unverständnis und Ablehnung. Vorgesetzte unterstellen nicht selten einen mangelnden beruflichen Einsatz. Auch Männer haben insofern ein Vereinbarkeitsproblem und erleben Nachteile angesichts traditioneller Rollenstereotype.

Hinzu kommt, dass Frauen in der Regel immer noch schlechter verdienen als ihre Partner. Wenn Paare jedoch über die Aufteilung von Elterngeldmonaten verhandeln, spielen Verdienstfragen eine große Rolle. Häufig nimmt der bzw. diejenige mehr Elterngeldmonate, die über das geringe Gehalt verfügt. So stellen Familien sicher, dass auf das Haupteinkommen auch während der Elternzeit weiter verlass ist. Der geringe Verdienst von Frauen ist damit ein häufiger Grund dafür, dass Väter auf ein stärkeres berufliches Engagement nach der Geburt eines Kindes durch die Übernahme von mehr als zwei Monaten Elterngeld verzichten. Das sehen übrigens auch Männer selbst so: 90 Prozent sind überzeugt, dass eine bessere Bezahlung von Frauen den Anteil von Männern in Elternzeit erhöhen würde.

 
 
 
 
 
 

Da männliche Identität noch immer fest mit beruflichem Erfolg in der Erwerbswelt verknüpft sei, werde auch Männern von der Forschung inzwischen ein Rollenkonflikt konstatiert, schreibt die Sachverständigenkommission im Gleichstellungsbericht. „Das Zurückstellen des Berufs zugunsten der Familie wird – von Männern und zum Teil auch von Frauen – immer noch als ‚unmännlich’ angesehen“.(9) Jenseits von Erwerbsarbeit stehen Männern bis heute nur wenig alternative und gesellschaftlich akzeptierte Rollen zur Verfügung. Dabei wünscht sich längst die Mehrheit der Männer bzw. Väter geringere Erwerbsarbeitszeiten, mehr Zeit für die Familie und bessere Vereinbarkeitsangebote.

 
 

Meine Frau zahlt – die Partner von Familienernährerinnen

Auch für die Partner ist der Fakt, dass die Frau die Ernährerin der Familie ist, keine einfache Situation. Viele Männer, die unfreiwillig aus der Versorgerrolle herausfallen, erleben die neue Erwerbskonstellation mit einer Hauptverdienerin im Haushalt weniger als Chance für einen neuen Lebensentwurf, sondern vielmehr als Entwertung ihrer Männlichkeit. Auch wenn die Partner von Familienernährerinnen im Rahmen der qualitativen Studien nicht eigens befragt wurden, lassen sich aus den Schilderungen der Frauen Rückschlüsse auf die häufig schwierige Situation ihrer Partner ziehen. So setzen viele arbeitslose Partner alles daran, wieder in Beschäftigung zu gelangen. Herr Heise ist langzeitarbeitslos und lebt mit dem gemeinsamen Sohn vom Einkommen seiner Frau (Arzthelferin). Im Interview sagt er:

"Und wenn ich Pakete ausfahre oder Pizza ausfahre, das ist mir so was von egal."
Herr Heise

Mit der Zeit haben viele Partner nur noch geringe Ansprüche an eine potenzielle Beschäftigung. Die Aussichten selbst auf eine wenig qualifizierte Beschäftigung erscheinen jedoch aus unterschiedlichen Gründen oft nur als gering. So sagt Frau Maler beispielsweise über ihren Mann:

"Der ist neun Jahre älter als ich und 57, der hat keine Aussicht. Der hat 100 Bewerbungen oder noch mehr geschickt. Das belastet unser Leben"
Frau Maler

Nicht wenige der Partner von Familienernährerinnen versuchen sich selbstständig zu machen. Die häufig prekäre Soloselbstständigkeit erzielt zwar selten ein gutes Einkommen, dient aber dem Gefühl der finanziellen Unabhängigkeit vom Einkommen der Frau.(4)

"Also mein Mann hat immer so versucht zu arbeiten. Das ist manchmal auch schwer. Also der hat […] so Kleidung, die aus Amerika kam […] und mein Mann zieht dann los und besucht Freunde und versucht das zu verkaufen. Und da eben einen kleinen Gewinn von zu machen, ne? Die handeln halt so, ne? Das macht der heute noch. Da kann ich auch abends um elf nach Hause kommen, dann nimmt der die Tasche und fährt noch mal los. Finanziell ist es schon so, dass er eine gewisse Unabhängigkeit hat. Also dass er sich ein Monatsticket für Bus und Bahn kauft zum Beispiel und mich da auch nicht fragt, ne?"
Frau Metzger

 

Eine erwerbsähnliche Beschäftigung im Leben zu haben, scheint gerade für die Männer von Familienernährerinnen besonders wichtig zu sein. Auch hier zeigt sich erneut: Männlichkeitsvorstellungen und Männerrollen sind eng mit Erwerbsarbeit und finanzieller Eigenständigkeit verknüpft – ein Fakt, den viele Partner von Hauptverdienerinnen ohne eigenes Einkommen zu spüren bekommen.

Wo Partner von Hauptverdienerinnen Haus- und Sorgearbeit im nennenswerten Umfang übernommen haben, stellt sich ein ganz anderes Problem: Ein potenziell neuer Arbeitsplatz müsste vereinbar sein mit dem familiären Engagement des Mannes. So ist Herr Heise beispielsweise inzwischen stärker in der Betreuung des Sohnes und im Haushalt engagiert, auch wenn es ursprünglich nicht seinem eher traditionell männlichen Rollenverständnis entsprach. Für seine Suche nach einer Stelle auf dem ohnehin schon angespannten ostdeutschen Arbeitsmarkt bedeutet das, nur Jobs annehmen zu können, die zu den Betreuungszeiten seines Sohnes passen, da seine Frau als Arzthelferin berufsbedingt den ganzen Tag abwesend ist. Frau Heise hofft für ihren Mann auf ein Entgegenkommen der Arbeitgeber.

"Dass er dann mit seinem Chef dann irgendwann mal eben spricht, dass er eben montags und donnerstags eben nicht lange bleiben kann. Ja. Das muss dann irgendwo machbar sein. Aber da kann man sicherlich dann auch sagen, ja, dann tut es mir leid oder so. Ja, ich weiß es nicht […] es sind zwei Tage, wo man - die anderen Tage kann man ja einarbeiten oder was weiß ich auch immer. Ja. Das muss irgendwo dann möglich sein."
Frau Heise

Andernfalls sieht zumindest Frau Heise die Notwendigkeit, dass ihr Mann einen angebotenen Arbeitsplatz trotz allem ausschlagen müsste. Fest steht: Herr Heise – als Mann einer Familienernährerin – kann sich nicht uneingeschränkt auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes einlassen, sondern muss mit seinem zukünftigen Arbeitgeber die Bedingungen einer gelingenden Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie bei Einstellung erst verhandeln.(2)

Die Perspektive auf Familienernährerinnen verdeutlicht die Notwendigkeit, neue Männer- und Väterrollen zu forcieren und moderne Männlichkeitsvorstellungen zu etablieren. Auch Väter haben ein Vereinbarkeitsproblem, dies trifft auch auf Partner von Familienernährerinnen zu.

 
 

Was die Beschäftigungs- und Lebensbedingungen von Frauen, die ihre Familie ernähren, verbessern würde?

Das Projekt „Familienernährerinnen“ hat eine Roadmap (politischen Fahrplan) mit politischen und betrieblichen Handlungsoptionen erarbeitet, die zu einer Verbesserung der Situation von Familienernährerinnen im Besonderen und zur Gleichstellung von Frauen und Männern im Allgemeinen beitragen können.

 

Zur Roadmap (PDF-Dokument, 231.9 KB)

 
 

 
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familie.dgb.de
 

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(PDF-Dokument, 732 KB)
 

 
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