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Familienernährerinnen im Betrieb

Frauen (und Männer) wollen heute beides, einen Job mit eigenem Einkommen und Zeit für die Familie. Das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in aller Munde. Aber: Noch immer werden Frauen im Betrieb häufig als Zuverdienerin betrachtet, ihr Einkommen gilt als Nebenverdienst, der notfalls verzichtbar ist. Im beruflichen Alltag kämpfen Familienernährerinnen wie viele Frauen mit familienunfreundlichen Arbeitsbedingungen. Hoch flexibilisierte und fremdbestimmte Anforderungen hinsichtlich Arbeitszeit und Arbeitsort, etwa aufgrund von Schicht-, Nacht- und Wochenenddienst, sind in vielen Berufen und Branchen, in denen zumeist Frauen – also auch Familienernährerinnen – erwerbstätig sind, keine Seltenheit. Auch mobile Dienste und wechselnde Filialeinsätze prägen die Beschäftigungsverhältnisse vieler Hauptverdienerinnen und erschweren damit die Organisation ihres (Familien)Alltags. Mangelnde Rücksicht im Betrieb auf Fürsorgepflichten erschwert den Alltag von Familienernährerinnen, wie für viele andere Frauen, durch geringe Planbarkeit und wenig Möglichkeit zur Mitgestaltung betrieblicher Abläufe.

 

Die gestiegenen Anforderungen der Arbeitswelt, zumal in den als „weiblich“ geltenden personennahen Dienstleistungen, treffen Familienernährerinnen in besonderer Weise und müssen vor dem Hintergrund steigender Verantwortung von Frauen für das Haushaltseinkommen kritisch bewertet werden.

Das Phänomen der Familienernährerinnen bietet Chancen und Herausforderungen zugleich: Es macht die fehlende Gleichstellung von Männern und Frauen in den Betrieben deutlich. Gerade das Leben von Familienernährerinnen zeigt, dass die Balance von Beruf und Fürsorgearbeit letztlich über Art und Umfang der Erwerbstätigkeit von Frauen entscheidet – und damit auch bestimmt, wie gut es einer wachsenden Gruppe von Frauen gelingt, ihre Familie finanziell abzusichern. Der Blick auf die Erwerbstätigkeit von Frauen muss sich ändern. Jede Frau kann heute im Lebensverlauf Familienernährerinnen werden!

 
 

1. Flexibilisierung der Arbeitszeiten

Die Flexibilisierung von Arbeitszeiten wird häufig als Schlüssel gesehen zur Modernisierung von Arbeitsorganisation unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der Beschäftigten. Zwar arbeiten zahlreiche der befragten Familienernährerinnen in flexiblen Arbeitszeiten, die wenigsten bezeichnen diese jedoch als familienfreundlich.

Gemäß der Angaben des Statistischen Bundesamtes haben in den letzten Jahren vor allem Nacht- und Wochenendarbeit deutlich zugenommen. So arbeiteten im Jahr 2011 rund 25 Prozent aller Beschäftigten samstags und immerhin ein Anteil von rund 10 Prozent arbeitete nachts.(1) Die klassischen Zeiten für Familie am Abend und am Wochenende sowie Phasen der Freizeit und Erholung werden für viele Beschäftigte immer seltener. Abendarbeit liegt laut Statistischem Bundesamt zwischen der gewöhnlichen Arbeitszeit und Schlafenszeit (18 bis 23 Uhr). Nachtarbeit (23 bis 6 Uhr) findet zu Zeiten der üblichen Nachtruhe statt.

 
Immer öfter spätes Arbeiten
 
 

Flexibel, aber nicht familienfreundlich

Vor allem erwerbstätige Frauen im Dienstleistungsbereich – und damit auch Familienernährerinnen – sind von der Flexibilisierung der Arbeitszeiten betroffen, etwa im Einzelhandel, im Gastronomiegewerbe sowie im Pflege- und Gesundheitsbereich.(2) Eine solche Flexibilisierung von Arbeitszeiten ist besonders problematisch, wenn Dauer, Lage und Verteilung von Arbeitszeiten einseitig durch den Arbeitgeber vorgegeben werden. Besonders für Familienernährerinnen sind kurzfristig anfallende Überstunden, Schichtarbeit sowie Spätschichten in den Abend- und Nachtstunden eine Herausforderung. Viele Familienernährerinnen beklagen im Betrieb ein mangelndes Mitspracherecht bei der Festlegung und Verteilung von Arbeits(zeit)einsätzen und Schichten beziehungsweise die Unzuverlässigkeit von Schichtplänen sowie kurzfristig eingeforderte Arbeitseinsätze. Nicht wenige der befragten Familienernährerinnen berichten, dass sie über längere Zeiträume hinweg zu sozial ungünstigen Zeiten arbeiten mussten.(3) So auch Frau Schmieder, die als Krankenschwester arbeitet:

"Also ich hatte letzten Sommer das Problem, dass er manchmal zwölf Spätdienste hintereinander einträgt. Und das geht überhaupt nicht. Letztes Jahr, da bin ich zwölf Tage gegangen, zwei Tage frei, sieben Tage Spätdienst. Das heißt, 19 Tage fast am Stück. Da habe ich gesagt, das geht nicht […] Ich dachte, das kann doch nicht wahr sein. Was hat denn der hier eingetragen?"
Frau Schmieder

 

Zu wenig Mitbestimmung bei den Arbeitszeiten bemängeln sowohl Frauen in personennahen Dienstleistung als auch Familienernährerinnen in Produktionsbetrieben. Dabei wäre es gerade für Hauptverdienerinnen wichtig, bei der Arbeitsplanung Rücksicht auf ihre besondere Familiensituation zu erfahren. Im Ergebnis lässt sich festhalten: Viele Familienernährerinnen wünschen sich mehr Mitbestimmung und eine familiengerechtere Gestaltung ihrer Arbeitszeiten, etwa durch weniger Wochenendarbeit, Spätschichten und Überstunden.(3)

Für alleinerziehende Familienernährerinnen sind mitbestimmte Arbeitszeiten und die Rücksichtnahme des Arbeitgebers auf ihre familialen Verpflichtungen häufig sogar entscheidend über den Verbleib in ihrem erlernten Beruf oder gar im Arbeitsmarkt, wie das Beispiel von Frau Gärtner zeigt (3):

"Und dann bin ich schwanger geworden, und da wurde strikt gesagt: „um sechs ist Arbeitsbeginn, und ihr seid alle da.“ Das hat sich erst im Laufe der Jahre eben verändert, und ich musste damals eben hier [als Lagerdisponentin einer Großwäscherei] aufhören."
Frau Gärtner

 
 

2. Überlange Arbeitszeiten und Überstunden

Die Hälfte aller Familienernährerinnen in Deutschland arbeitet Vollzeit. Das bedeutet nicht selten, dass sie mehr als die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit erbringen. Überlange Arbeitszeiten und Überstunden stellen für vollzeitbeschäftigte Familienernährerinnen eine besondere Herausforderung und Belastung dar. Sie führen nicht selten dazu, dass Arbeit zu Hause erledigt wird, und befördern damit eine Entgrenzung von Arbeits- und Lebenszeit. Ein Beispiel dafür ist Frau König, 32 Jahre alt und Mutter eines zweijährigen Sohnes. Sie leitet einen Ausbildungsbetrieb in Ostdeutschland und trägt die Verantwortung für 12 Mitarbeiter/innen und 98 Auszubildende.Der Arbeitsvertrag von Frau Königs enthält keine Arbeitszeitdauer und ist nur befristet.

 

Da sie jedoch für das Einwerben der finanziellen Mittel und damit den Fortbestand der Einrichtung verantwortlich gemacht wird, arbeitet sie bis zu 50 Stunden in der Woche. Regelmäßig erbringt sie Überstunden, auch zu entgrenzten Tages- und Nachzeiten.(3) Dies wird vor allem notwendig, wenn ihr Sohn krank ist.

"Es gab eine Zeit lang, wo mein Sohn einen ganz schlimmen Magen-Darm-Virus hatte. Da bin ich nachts hierher gekommen. Da hatte ich die ganzen Unterlagen bei mir auf dem Schreibtisch. Meine Sekretärin hat alles hier reingepackt. Ich habe das dann in der Nacht abgearbeitet."
Frau König

 
 

Vereinbarte versus tatsächliche erbrachte Arbeitszeiten

Über das Auseinanderdriften von vereinbarten und tatsächlich erbrachten Arbeitszeiten klagen auch viele Beschäftigte im Pflegebereich. So berichtet beispielsweise die 46jährige Frau Löffler, dass sie ihren realen Arbeitseinsatz gar nicht vollständig als Arbeitszeit abrechnen kann. Auf dem Papier arbeitet die verheiratete Mutter von drei Söhnen sechs Stunden pro Tag bei einem mobilen Pflegedienst. In Wirklichkeit ist die Familienernährerin jedoch sehr viel länger für ihren Arbeitgeber im Einsatz:

"Und dann ist es auch so, dass die Arbeiten, wenn jetzt jemand [von den zu pflegenden Patienten] wegfällt, muss ich mir das ja dann abziehen, die Zeit für den Tag. […] Und ich habe dann zwischendurch Luft und im Prinzip fange ich um sechs an, muss dann bis um zehn arbeiten und gehe dann um elf noch mal wegen einer Spritze. […] Und wenn jetzt zwischendurch Luft ist, ist das eigentlich meine Freizeit, aber ich kann eigentlich nichts damit anfangen."
Frau Löffler

Das Risiko von Patientenausfällen sowie eines lückenlosen Versorgungsablaufes der Pflegebedürftigen tragen die Beschäftigten demnach allein und nicht der Arbeitgeber. Aufgrund der so angehäuften „Minusstunden“ auf dem Arbeitszeitkonto ist Frau Löffler ebenso wie ihre Kolleg/innen gezwungen, zusätzliche Arbeitsschichten und weitere Patienten zu übernehmen und damit de facto überlange Arbeitszeiten abzuleisten.(3)

Auch Familienernährerinnen in Westdeutschland klagen über überlange Arbeitszeiten und den Versuchen von Arbeitgebern, die angehäuften Überstunden einfach entfallen zu lassen.

 

Frau Weber, die als Krankenschwester arbeitet und 300 Überstunden angesammelt hat, berichtet von den schwierigen Verhandlungen mit ihrem Arbeitgeber, einer Krankenhaus-Kette. Dieser hatte ihr vorgeschlagen, ein Drittel dieser Überstunden auszubezahlen, ein weiteres Drittel als Freizeitausgleich zu gewähren und das letzte Drittel ersatzlos zu streichen.(2)

"Das würde bedeuten, dass ein Drittel meiner Arbeit Geld wert ist und ein Drittel meiner Arbeit kein Geld wert ist. Das kann ja nicht sein, ne? Weil ich ja immer gleich arbeite"
Frau Weber

Die zeitlichen Anforderungen ihres Arbeitsgebers stellen für die Familienernährerinnen ein erhebliches Problem dar. Auch Bereitschaftszeiten, etwa im Pflegebereich, sind problematisch, weil sie einerseits häufig gar nicht entlohnt werden. Andererseits können jederzeit kurzfristig Arbeitseinsätze vom Betrieb eingefordert werden, so dass Bereitschaftszeiten kaum als Familien- oder Erholungszeit gelten können.(3)

Überlange Arbeitszeiten und Überstunden sind für alleinerziehende Familienernährerinnen häufig ein unüberwindbares Hindernis, da sie häufig keinen Partner haben, der sie entlasten kann. Zuverlässige und mitbestimmte Arbeitszeiten anstelle von kurzfristig angeordneten Überstunden und Fremdbestimmtheit sind jedoch Voraussetzung für die Balance von Beruf und Familie.

 
 

3. Kinderbetreuungsangebote und Ganztagsschulen

Eine ganztägige und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung ist für Familienernährerinnen, vor allem für die Alleinerziehenden unter ihnen, ein wichtiger Schlüssel zur Erwerbstätigkeit. Im Jahr 2011 liegt der Bedarf nach Plätzen in der Kindertagesbetreuung für Kinder im Alter von unter drei Jahren im Bundesdurchschnitt bei 39 Prozent. Im Jahr 2005 lag der Bedarf noch bei 35 Prozent. Wie die folgende Graphik zeigt, ist der Bedarf nach Betreuungsplätzen für unter dreijährige Kinder regional verschieden. In Ostdeutschland möchte die Hälfte der befragten Eltern einen Betreuungsplatz für ihr unter dreijähriges Kind nutzen, in Westdeutschland liegt der Bedarf bei 36 Prozent. 

 

38 Prozent der Eltern mit Kindern zwischen 1 und 2 Jahren und 74 Prozent der Eltern mit Kindern zwischen 2 und 3 Jahren wünschen sich 2009 einen Kitaplatz für ihre Kinder, während nur 23 Prozent bzw. 48 Prozent auch einen Kitaplatz haben.(5)

Mit dem Ausbau der Kindertagesbetreuung sucht die Bundesregierung dem gestiegenen Bedarf nach Betreuungsplätzen insbesondere für Kinder im Alter von unter drei Jahren Rechnung zu tragen. Ab August 2013 tritt zudem ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz in einer Tageseinrichtung oder in der Kindertagespflege für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr in Kraft.

 
 

Der achte Familienbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zeigt jedoch auch, dass Wunsch und Wirklichkeit noch weit auseinanderklaffen:
Vor allem in den westlichen Bundesländern stehen für viele Kinder, deren Eltern eine institutionelle Kinderbetreuung wünschen, keine entsprechenden Plätze bereit.

 
 
 

Betreuungsangebote weniger flexibel als die meisten Arbeitszeiten

Was berufstätige Eltern bereits vor Herausforderungen stellt, wird für Familienernährerinnen – insbesondere für Alleinerziehende – zum täglichen Balanceakt. Problematisch ist vor allem die nicht bedarfsgerechte Gestaltung vieler Betreuungsangebote. Zu starre Betreuungsangebote stehen der Flexibilisierung der Arbeitszeiten gegenüber, so dass Arbeitszeiten und Kinderbetreuung immer weniger zusammen passen. Frau Gärtner, Familienernährerin in Westdeutschland, deren Kind in die Grundschule gewechselt hat, schildert entstehende Betreuungslücken durch zu kurze tägliche Öffnungszeiten (2):

"Auch die 16-Uhr-Regelung ist knapp, muss man ganz klar sagen. Weil im Kindergarten hatten wir die Möglichkeit bis 16:30 Uhr die Betreuung in Anspruch zu nehmen. Das war – da hat man halt noch so eine kleine Pufferzone. Also das wäre schon schöner, wenn man da halt nicht so den Druck hat, so, ich muss jetzt den Bleistift fallen lassen […] weil gerade wenn ich in einer Vertretungssituation bin und wenn nachmittags Besprechungen angesetzt sind."
Frau Gärtner

Vereinbarkeitsprobleme, insbesondere für Familienernährerinnen, ergeben sich auch in Ferienzeiten sowie an Brückentagen, wenn Kinderbetreuungseinrichtungen oder Schulen geschlossen bleiben. In den ländlichen Regionen spielen vor allem die weiten Entfernungen zu den Betreuungseinrichtungen eine Rolle. Nicht selten fahren die Familienernährerinnen täglich weite Wege mit Bus und Fahrrad, um die Kinder zur Betreuung hinzubringen und wieder abzuholen.(3)

 

Bei Schulkindern kommt hinzu, dass nachmittags Zeit erübrigt werden muss, um die Kinder bei den Hausaufgaben zu unterstützen, selbst wenn diese eine Ganztagsschule besuchen. Frau Buchbinder schildert dies etwa (2):

"Also die Hausaufgaben sind oft nicht vollständig gemacht und er ist in der Hausaufgabenbetreuung […] und ja, dann nehme ich eben in Kauf, dass wir dann abends eben noch mal nacharbeiten müssen, was er nicht geschafft hat. Es ist eben immer noch was zu tun dann zu Hause."
Frau Buchbinder

Hauptverdienerinnen machen erneut deutlich, dass der flächendeckende Ausbau an Kinderbetreuungseinrichtungen in Deutschland dringend notwendig und längst überfällig ist, sowohl was die Quantität als auch die Qualität angeht. Über das Kindesalter hinaus muss es den Eltern möglich sein, gleichzeitig ihre Kinder versorgt zu wissen, ihrer Arbeit nachzugehen – und dies ohne Zeitstress. Wie die Beispiele der Hauptverdienerinnen zeigen, handelt es sich bei der Vorschulbetreuung weniger um Forderungen nach einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung, als vielmehr um vergleichsweise kleinere Ausweitungen der Öffnungszeiten. Ganztagskindergärten und -schulen stellen eine wichtige Entlastung für Familienernährerinnen, aber auch für andere berufstätige Frauen und Männer, dar. Diese müssen jedoch noch besser an ihre Betreuungsbedürfnisse angepasst werden.

 
 

4. Familienbedingte Erwerbsunterbrechungen und beruflicher Wiedereinstieg

Familienernährerinnen zeigen: Kurze familienbedingte Erwerbsunterbrechungen und ein qualifizierter beruflicher Wiedereinstieg sind für Frauen wertvoll, wenn sie in der Lage sein sollen, die Familie zu ernähren. Gerade alleinerziehende Familienernährerinnen sind sich der alleinigen finanziellen Verantwortung für ihre Familie bewusst. Der Wunsch, (wieder) berufstätig zu sein und damit ein Familieneinkommen aus eigener Erwerbstätigkeit jenseits von Transferleistungen zu erwirtschaften, ist bei alleinerziehenden Frauen groß. Eine überwältigende Mehrheit von 89 Prozent gibt an, (wieder) einer Erwerbstätigkeit nachgehen zu wollen.(6) Wie weiter oben bereits beschrieben, benötigen sie dafür jedoch familiengerechte Rahmenbedingungen im Betrieb.

 

Während die Mehrheit der befragten westdeutschen Familienernährerinnen lange familienbedingte Erwerbsunterbrechungen aufweist und sich der Wiedereinstieg dieser Frauen in den Arbeitsmarkt entsprechend schwierig gestaltet, nimmt der (qualifizierte) berufliche Wiedereinstieg nach der Eltern- oder Fürsorgezeit für Familienernährerinnen in Ostdeutschland eine besondere Rolle ein. Nicht selten planen sie diesen sehr gezielt und erachten ihn als selbstverständlich.(3) Hier spiegelt sich erneut die hohe Erwerbsorientierung ostdeutscher Frauen wieder. Frau Wegener, 33 Jahre und beschäftigt im Öffentlichen Dienst, betont beispielsweise:

"Länger als ein Jahr könnte ich mir nicht vorstellen, für mich persönlich jetzt. Ich bewundere jeden, der das schafft, zu Hause zu bleiben und sich um Kind und Haushalt zu kümmern. Aber für mich wäre das nicht der Fall."
Frau Wegener

 
 

Elternzeiten und Wiedereinstieg zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Im Zusammenhang mit familienbedingten Auszeiten und dem beruflichen Wiedereinstieg berichten Familienernährerinnen jedoch auch vom fehlenden Entgegenkommen der Betriebe bei der Nutzung der Elternzeit bis hin zur Blockadehaltung. Ein Beispiel hierfür ist Frau König, die Führungskraft in einer Ausbildungsstätte in den neuen Bundesländern ist und kurz nach der Beförderung in die Leitungsposition schwanger wird. Zwar stört es den Vorstand wenig, dass sie ein Kind erwartet. Ebenso selbstverständlich erwartet dieser jedoch auch, dass Frau König im Anschluss an die Geburt wieder voll einsatzbereit für den Beruf ist. Angesichts ihres befristeten Vertrages wagt sie es nicht einmal, ein halbes Jahr Elternzeit zu beantragen, obwohl sie sich eine solche Elternzeit gewünscht hätte (3):

"Ich wollte eigentlich ein bisschen länger zu Hause bleiben, aber mein Vorstand der hatte damals zu mir gesagt, so eine schöne Frage: Sie wollen doch nicht etwa ein halbes Jahr zu Hause bleiben? Und da wusste ich, dass er das nicht so gerne sieht, wenn ich vorschlage, dass ich erst wiederkomme, wenn Jan ein halbes Jahr ist. Also ich wollte schon kein Jahr zu Hause bleiben. Das war mir von vornherein klar, dass das auch beruflich nicht geht, aber so ein bisschen hätte ich mir schon gewünscht."
Frau König

 

Der berufliche Wiedereinstig kann Frauen nur gelingen, wenn sie und ihre Partner eine entsprechende Betreuungsinfrastruktur vorfinden. Schwierigkeiten ergeben sich nicht nur aus dem Mangel an Kitaplätzen, sondern auch aus den starren Aufnahmeregelungen der Betreuungseinrichtungen zu Schuljahresbeginn, also nur im August/September. Im Falle von Frau Heise, Arzthelferin und Mutter eines Sohnes, verhinderter dieser den bedarfsgerechten Wiedereinstieg der Familienernährerin:

"Ich war jetzt schon da und da haben sie mir gesagt, dass sie im Februar keine Kinder nehmen. Erst wieder im August. Da habe ich erst mal nicht schlecht geguckt."
Frau Heise

 
 

5. Zufriedenheit und Gesundheitszustand von Familienernährerinnen

Aufgrund der beschriebenen betrieblichen Beschäftigungsbedingungen vieler Familienernährerinnen überrascht es nicht, dass die Frauen ihre persönliche Vereinbarkeitssituation kritisch bewerten. In Ostdeutschland trifft dies auf 60 Prozent der interviewten Familienernährerinnen zu.(3)

 

Denn viele Arbeitgeber sind gegenüber Fürsorgeverpflichtungen gleichgültig und die Arbeitszeiten kollidieren mit den Öffnungszeiten der Betreuungseinrichtungen. Die Forscherinnen sind sich sicher, dass sich die Vereinbarkeitsprobleme der Frauen in Ostdeutschland wenig von den Frauen in Westdeutschland unterscheiden.

 
 

Finanzielle Verantwortung für die Familie mit Folgen für die Gesundheit

Die schwierigen Beschäftigungsbedingungen vieler Familienernährerinnen spiegeln sich auch in ihrem Gesundheitszustand wieder. Erwerbstätige Frauen leiden generell häufiger unter Arbeitshetze und Zeitdruck als ihre männlichen Kollegen. Dies trifft für 58 Prozent der Frauen in Vollzeit und für 49 Prozent in Teilzeit zu, wohingegen ‚nur’ 51 Prozent der Männer in Vollzeit und 34 Prozent in Teilzeit davon betroffen sind.(7) Auch für Familienernährerinnen, durch die finanzielle Verantwortung dreifach belastet, gilt: ständige Hetze und andauernde Erschöpfung im Alltag bringen die Frauen an den Rand ihrer Kräfte. Nicht zuletzt äußert sich die tägliche Hektik darin, dass den Hauptverdienerinnen keine Zeit für Regeneration und Erholung bleibt. Frau Metzger, Mutter eines siebenjährigen Kindes in Westdeutschland sagt dazu (7):

 

"Zeit für mich? Was war das noch mal? Na gut, wenn das Kind im Bett und mein Mann unterwegs ist, dann habe ich Zeit für mich. Ich versuche dann noch Hausarbeit , was noch so über ist, zu machen"
Frau Metzger

Zahlreiche Familienernährerinnen in den neuen wie alten Bundesländern sind von einem schlechten Gesundheitszustand betroffen und leider unter körperlichen Symptomen und Beeinträchtigungen. Insbesondere über Nacken- und Schulterschmerzen, aber auch über rasche Erschöpfbarkeit äußern sich beispielsweise die Familienernährerinnen in Westdeutschland.(2) Mangelnde Rücksichtnahme der Betriebe auf den Gesundheitszustand ist für viele Familienernährerinnen gängige Praxis und führt häufig zu zusätzlichen Belastungen und der Verschlechterung der physischen und psychischen Gesundheit.(3)

 
 

Lösungsansätze auf betrieblicher Ebene

Bei der Sonderauswertung zu „Vereinbarkeit“ aus dem DGB-Index Gute Arbeit (2007) zeigt sich, dass eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und durch familienfreundliche Regelungen im Betrieb gefördert werden kann, wie zum Beispiel durch kürzere Arbeitszeiten und wenig Spät-, Schicht-, oder Wochenendarbeit. 93 Prozent der Mütter und 88 Prozent der Väter, deren Arbeitgeber in hohem Maß Rücksicht auf die Familienbedürfnisse nehmen, sprechen von einer ausgewogenen Balance von Beruf und Leben und haben damit auch weniger Anlass, über Hetze und Zeitnot zu klagen.(8) 

 

Betriebliche Unterstützung für die Anforderungen und Bedürfnisse von Familien äußert sich am meisten durch familienfreundliche Arbeitszeitmodelle mit 34 Prozent. Darauf folgt eine familienfreundliche Arbeitsorganisation (z.B. Teleheimarbeit) mit 16 Prozent und lediglich 4 Prozent der Befragten geben an, dass der Betrieb Betreuungsangebote für Kinder anbietet.(8)

 
 

6. Betriebliche Mitbestimmung? Fehlanzeige

Für Familienernährerinnen gilt, wie für die Gesamtheit aller erwerbstätigen Frauen, ein insgesamt niedriger gewerkschaftlicher Organisationsgrad. Während unter den männlichen Familienernährerin in Westdeutschland rund jeder vierte gewerkschaftlich organisiert ist, liegt die Quote unter den weiblichen Familienernährerinnen in westdeutschen Paarhaushalten bei unter 10 Prozent.(2) In Ostdeutschland finden sich Tarifverträgen und die betriebliche Mitbestimmung deutlich seltener, weshalb der gewerkschaftliche Organisationsgrad von Familienernährerinnen noch geringer sein dürfte. 2009 lag die Tarifbindung laut WSI-Tarifhandbuch 2010 bei 52 Prozent im Vergleich zu Westdeutschland mit 65 Prozent. Ostdeutschland hat im Zeitvergleich seit 1998 den niedrigsten Wert erreicht, während die Tarifbindung in Westdeutschland nach ihrem Tiefpunkt in den Jahren 2007 und 2008 mit jeweils 63 Prozentpunkten wieder gestiegen ist.(3)

Studien der Hans-Böckler-Stiftung zeigen, dass Mitbestimmung durch Interessensvertretungen im Betrieb für eine insgesamt bessere Vereinbarkeitssituation der Beschäftigten sorgt. So steigen die Chancen auf familiengerechte Arbeitszeiten in einem Betrieb mit Betriebsrat um 16 Prozent.

Wo die befragten Familienernährerinnen über ihre Rechte als Arbeitnehmerinnen informiert sind, treten sie mit mehr Selbstbewusstsein und stärker fundiertem Wissen über formelle, arbeitsrechtliche Möglichkeiten der Gegenwehr auf – sowohl bei betrieblichen, als auch bei persönlichen Angelegenheiten.(3)

 

Zur Kenntnis genommen werden muss allerdings auch, dass Betriebs- und Personalräte ebenso wie Gleichstellungsbeauftragte bisher noch zu wenig als Ansprechpartner/innen von Familienernährerinnen für ihre Bedürfnisse und Belange wahrgenommen und genutzt werden. Für den Großteil der Frauen sei es bereits eine Hürde, sich an die eigene betriebliche Interessenvertretung im Betrieb zu wenden, wenn sie Informationen oder Unterstützung bei der Nutzung von Elternzeit oder dem Wechsel auf Teilzeitarbeit brauchen, schreiben die Forscherinnen.(3)

 
 

Was die Beschäftigungs- und Lebensbedingungen von Frauen, die ihre Familie ernähren, verbessern würde?

Das Projekt „Familienernährerinnen“ hat eine Roadmap (politischen Fahrplan) mit politischen und betrieblichen Handlungsoptionen erarbeitet, die zu einer Verbesserung der Situation von Familienernährerinnen im Besonderen und zur Gleichstellung von Frauen und Männern im Allgemeinen beitragen können.

 

Zur Roadmap (PDF-Dokument, 231.9 KB)

 
 

 
DGB Frauen
 

familie.dgb.de
 

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